J. A. Tillmann: Monumente, Räume, Zeiten. „Understanding“ Ungarn

március 8, 2017

 

 

 

 

 

 

Istvan Janáky

In der Nähe des Heldenplatzes in Budapest steht ein Zeitrad, das – laut Wikipedia – die größte Sanduhr der Welt ist. Das Zeitrad ist ein Rad mit einem Durchmesser von 8 m, bei einer Breite von 2,5 m. Die Sanduhr läuft jährlich ab und sollte sich – laut ihres Erfinders János Herner – ursprünglich sogar bewegen. Denn Herners Ziel war es, „die Zeit auch plastisch darzustellen, deshalb sollte die 60 Tonnen schwere Sanduhr nicht einfach nur aufgestellt werden, sondern auch langsam rollen – daher auch ihre Form”.

Um die Jahrtausendwende wollte man vielerorts diesem Schrumpfen des Zeitempfindens und der sich somit als immer kürzer werdenden gefühlten Jetztzeit etwas entsprechend Konträres entgegensetzen. The Clock of the Long Now – entwickelt von der Long Now Foundation – ist u. a. solch ein Versuch diese Veränderungen in einem entsprechenden Format darzustellen. The Clock of the Long Now, als monumental geplantes Uhrwerk, ist bisher nur in Form eines Prototyps in zwei Meter Größe realisiert worden.1

Obwohl es beim Budapester Zeitrad ausgesprochen um die Zeit geht, stehen jedoch räumliche Aspekte im Vordergrund, wie dies eine Umfrage – die vor der Errichtung des Rades, unter jeweils 100 Ausländern sowie unter jeweils 100 Ungarn (Architekten, Fachleute aus der Tourismusbranche, etc.) durchgeführt wurde – offensichtlich zeigt. Es ging dabei um die Frage, ob der Durchmesser des Zeitrades von 8 Metern zu viel oder zu wenig wäre. Das Ergebnis, so Herner in einem Interview, war außerordentlich: „Von 100 Ausländern fragten 97, warum das Rad so klein und von 100 Ungarn 92, warum es so groß ist!”2

Monument, das die Tragweite der vergehenden Zeit entsprechend darstellen will, muss monumental sein. Mit einem Durchmesser von 8 Metern ist ein Rad der Zeit belanglos. Konkret heißt das, dass man an das Budapester Zeitrad ganz nah herangehen muss, um es überhaupt in seiner mit Bedeutungen überladenen Umgebung wahrnehmen zu können. Mit anderen Worten, das Monument müsste entsprechend dem Vorhaben in einer anderen Größenordnung angesiedelt sein, um den erwünschten Effekt zu erreichen. Im Hinblick auf die Proportionen seiner Umgebung bedeutet dies aber, dass ein Durchmesser von 20-30 Metern nötig wäre, damit das Rad erst gleich hoch mit der Giebelhöhe der umliegenden Bauten ist und so nicht in seinem ihn völlig überragenden Hintergrund verschwindet .

Diese merkwürdige Kleinsicht auf die Welt offenbart sich aber auch in anderen Bereichen. Der ungarische Schriftsteller Győző Határ, der nach 1956 in London lebte, brachte diese merkwürdige Kleinsicht treffend auf den Punkt, indem er vor einigen Jahren in einem Rundfunk-Interview sagte: Die ungarische Elite sieht durch ihre Provinzialität die Welt kaum. Dies mag erstaunlich klingen, aber es spricht mehr dafür, als dagegen.

Sucht man nach Ursachen für diese so merkwürdige Sicht, dann findet man in der Entwicklung und Ausformung moderner Raumvorstellungen – bereits beginnend um 1500 mit der Auflösung des christlich-lateinischen Universalismus und mit der Herausbildung nationalsprachlicher Schriftkulturen – entscheidende Unterschiede in den verschiedenen europäischen Regionen. Dieses Entstehen solch national-kultureller Räume vollzog sich gleichzeitig mit der europäischen Expansion und mit der darauffolgenden Raumrevolution (Carl Schmitt). So waren es denn nicht nur einzelne Reisende, sondern von seefahrenden Nationen beinahe alle Volksschichten, die auf direkte oder vermittelte Weise mit fernen Kontinenten in Berührung gekommen sind.

Und diese Auswirkung des Meeres beschrieb Fernand Braudel in seinem monumentalen Mittelmeer-Buch zusammenfassend mit folgendem Satz: „Das Leben des Meeres breitet sich in mächtigen Wellen weit über dem Küstengebiet aus.3 Folglich konnte sich bei seefahrenden Völkern, im Gegensatz zu denen, die Meeres-Erfahrung verschlossen blieb, eine bis heute währende rämlichere Sicht auf die Welt entwickeln: Denn verfügt man über Meeresküsten als Landesgrenzen, sogar noch über Überseedepartements, ist man geneigt, die Welt eher global als provinziell zu betrachten und dies auch heute noch, obwohl seit einigen Jahrzehten die Satellitenbilder der täglichen Wetterschau einen Einblick in die wahren Proportionen lokal-nationaler Größen und Größenordnungen ermöglichen, auch für jene, die über kein Meer oder gar Ozeane als Landesgrenzen verfügen und selbst noch keinen Spaziergang an irgendeiner Küste erleben konnten.

Nachdem sich nun der Himmel mitsamt dem Christentum und seiner Universalität in den Hintergrund zurückgezogen hatte, trat die Erde – allen voran in Form des heimischen Bodens – in den Vordergrund und dies am stärksten dort, wo weit und breit kein Meer in Sicht war! So ertönt ein neuer Schlachtruf, wie Gilles Deleuze und Felix Guattari in Tausend Plateaus schreiben: „Die Erde, das Territorium und die Erde! Mit der Romantik gibt der Künstler seine Ambitionen auf eine rechtmäßig verbürgte Universalität (…) auf: er territorialisiert sich…”4

Doch genau dies geschah bei den romantischen Dichtern mitteleuropäischer Nationen, die nicht nur Verfasser von Dichtungen, sondern gleichzeitig auch Gestalter nationaler Identitätskonstruktionen waren.5 Für diese Konstrukte verwendeten sie legendäre Erzählungen, fabelhafte Genealogien und so manch andere Tatsachen. Es entstand im religiösen Vakuum dieses Zeitalters des Nihilismus eine neue Glaubenswelt mit Nationalgöttern, Heiligenkulten und Sakralräumen. Die Poeten-Priester verkündeten ihre Phantasmen und schrieben die Texte einer neuen Nationalliturgie. Der Widerhall ihrer Glaubens- und Weltvorstellungen war und ist bis heute bei jeder Volksversammlung, Schulfeier und bei allen Staatsandachten zu hören.

In Ungarn flößte der Dichter Mihály Vörösmarty, der zum engsten Kreis ungarischer Identitätskonstrukteure gehörte, so ganz nebenbei Generationen durch sein „Nationalgebet” Szózat (Mahnruf) eine beachtlich bodenständige Welt- und Raumfurcht ein. Der Refrain dieses „Gebetes”, das jedem ungarischen Grundschüler eingeprägt wird, verkündet nämlich die Mahnung: Die weite Welt gibt anderswo / nicht Raum noch Heimat dir.6

Aber nebenbei bemerkt, überschritt der Dichter selbst nie die Landesgrenzen und musste so weder den Raum der weiten Welt erleiden, noch den Anblick des weiten Meeres ertragen, ebenso wie die meisten seiner Konstrukteur-Kollegen und sonstigen Landesgenossen jenes Zeitalters – das garantierten die österreichischen Beamten und Grenzwachen. Nur wenigen seiner Zeitgenossen gelang es, darunter dem „grössten Ungarn” – dessen Muttersprache übrigens deutsch war –, dem Grafen István Széchényi, dank seines Vaters hoher Anstellung am Wiener Hof, das Land in Richtung England zu verlassen.

Allerdings muss im Falle Ungarns, zu den bereits erwähnten – die osteuropäischen Raumvorstellungen prägenden – Gegebenheiten und Ereignissen, noch eine Weitere in Betracht gezogen werden: der Vertrag von Trianon. Nach diesem Vertrag – einem der Pariser Friedensverträge, die den Ersten Weltkrieg formal beendeten – erlitt das Königreich Ungarn einen außerordentlichen Gebietsverlust: mehr als zwei Drittel seines Territoriums fielen den Nachbar- und Nachfolgestaaten zu.7 

Indes hätten diese Gebietsabtretungen – die größtenteils nicht von Ungarn besiedelte Territorien betrafen – für sich alleine vermutlich keine bedeutende Wirkung auf die Raumvorstellungen ausgeübt, wenn nicht in dem halben Jahrhundert vor Trianon eine sehr eigenartige Sozialentwicklung stattgefunden hätte. Denn in Ungarn, wie der Sozialwissenschaftler István Bibó feststellt, hatte in dieser Zeit der verarmte niedere Adel – der mit seinen mehr als 10% der Gesamtbevölkerung eine bedeutende Rolle spielte – „massenhaft die verwaltenden und intellektuellen Funktionen der [verschiedenen] Ämter inne. […Und dies hat] dem adeligen Bewußtsein eine vorherrschende Position über das intellektuelle Rollenbewußtsein gesichert.”

Folglich führten die Gebietsverluste – außer für die direkt betroffenen Landesbewohner, die sich plötzlich in den neuen Nachbarländern befanden – zunächst für die Adeligen zu negativen Konsequenzen, denn das Schrumpfen des Landes bedeutete auch das Schwinden ihres Einfluß- und Machtbereiches. So wurden im adeligen Bewußtsein diese, den „Nationalkörper verstümmelnden” Ereignisse – wie es damals hieß – wesentlich stärker noch als solche empfunden, die die eigene Identität beschädigten. Insbesonders fühlte sich die kleinadlige „herrische Mittelklasse” – wie sie sich öffentlich nannte – in diesem ungemein schmäler gewordenen Rahmen der neuen Landesgrenzen eingeschränkt, und verfiel zwischen den beiden Weltkriegen einer Melange aus Revanche und Ressentiment. Entscheidend ist aber, dass durch ihre vorherrschende Position eben gerade auch ihr Raumempfinden das Maßgebende, das medial verbreitete Raumgefühl wurde.

Geschichte wird gestaltet

Aber in Ungarn gibt es nicht nur eine seltsam geartete Raumwahrnehmung, sondern auch eine, besonders die geschichtliche Vergangenheit betreffende, merkwürdige Auffassung der Zeit. Diese fand neuerlich sogar Einzug ins Grundgesetz, indem der Zeitraum zwischen 1944 und 1990 durch einen Kunstgriff einfach ausgeklammert worden ist.8 So heißt es nun, dass Ungarn in diesen Jahren von fremden Mächten besetzt war und es keinen souveränen Staat gab. Die Nation ist demnach für diese Zeit nicht verantwortlich. Dermaßen soll ein halbes Jahrhundert verbannt werden, da es nach dieser merkwürdigen Geschichtsauffassung nicht zur ungarischen Geschichte gehört.

In diesem Sinne ist auch vor kurzem der Platz vor dem Parlament in seinen Zustand der Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts umgestaltet worden. Dieser „Hauptplatz der Nation” – so sein neuer Name – wird nun von Nachbildungen früherer Denkmäler fragwürdiger Politiker geziert.

Gleichzeitig wird die historische Kitschkulisse des Landes nicht nur dahingehend rekonstruiert, sondern stetig weiterentwickelt und ausgeweitet. Hierfür ist das eklatanteste Beispiel, das neue Denkmal – ein Besatzungsdenkmal –, das unweit des Parlaments, am Szabadság- (Freiheit-) Platz, gebaut wird und, das an dem Tag eingeweiht werden soll, an dem die Truppen des – übrigens verbündeten – Dritten Reiches einmarschiert sind. Miklós Horthy, damaliges Staatsoberhaupt, ist nach dem Einmarsch der Wehrmacht, als sogenannter „Reichsverweser” nicht abgesetzt worden, und galt als „Hitlers letzter Trabant”.

Das Denkmal ist „als Spiegelbild der Gesellschaft” nicht nur deswegen problematisch – wie es Jochen Gerz formuliert – , „da es die Gesellschaft nicht nur an Vergangenes erinnert, sondern zusätzlich – und das ist das Beunruhigendste daran – an die eigene Reaktion auf diese Vergangenheit.9

Das Besatzungsdenkmal ist als Kunstwerk ebenso peinlich, wie es als Denkmal töricht ist. Auf dem Hintergrund eines Tympanons mit klassizistischen Säulen erhebt sich eine Engelsgestalt, die von einem großen Vogel angegriffen wird. Die gebrochene Säulenreihe, ebenso wie die Gestalt des Engels ähnelt dem Denkmal am Heldenplatz. Der Engel ist Erzengel Gabriel, der die ausgelieferte, unschuldige und hilfsbedürftige Nation der Magyaren versinnbildlichen soll, der Adler ist der Reichsadler des Bösen.

Es ist tatsächlich eine sehr „primitive Allegorisierung”, wie der Kunstwissenschaftler András Rényi bemerkt, so primitiv, dass es für das einfachste Kind des Volkes auch deutbar ist. Aber die Tatsache, dass die Besatzung eines Landes mit einem Denkmal geehrt wird, ist an sich schon eigenartig. Doch dahinter steckt nicht die Neigung zu einem kollektiven Masochismus, sondern ein verlogenes, geschichtsrevisionistisches Narrativ. Laut der Aufschrift soll das Monument „dem Gedächnis aller Opfer” gewidmet sein. „Direkt behauptet es aber weder etwas über den jüdischen Holocaust, noch über die Verantwortung der Ungarn – schreibt Rényi –, vieleher spricht es in anderen Registern: Es ist nicht über den Verlust ungarischer Menschen, sondern um den Verlust der ungarischen Souveränität besorgt.”

Seine wahrhafte Bedeutung und seine besonders erhabene Charakteristik bekommt das Besatzungsdenkmal aber erst durch seine Lage: Es erhebt sich direkt am Ein- und Ausgang einer Tiefgarage, es dient praktisch als deren Fassade – worin sich der Feinsinn seines Bauherren adäquat ausdrückt. Die feinfühlige Positionierung dieses Tiefgaragendenkmals entstammt übrigens ebenso aus der verlogenen Geschichtsauffassung: Es soll das Gegenstück des am anderen Ende des länglichen Platzes stehenden sowjetischen Befreiungsdenkmals bilden. Beide sind somit in der Hauptachse des Platzes symmetrisch positioniert.

Das ästhetische Feingefühl des Regierungschefs zeigte sich schon früh, bereits während seiner ersten Amtszeit: Er ließ die von der Vorgängerregierung begonnenen Bauarbeiten zum neuen Nationaltheater stoppen und einen neuen Bau errichten – im postsowjetischen Stil eines kasachischen Kulturhauses. Seitdem offenbart sich sein gehobenes Stilempfinden desöfteren – wie auch seine Neigung zum Asiatismus –, die besonders bei der Einweihung des nationalen Totempfeilers im Nationalen Gedenkpark von Ópusztaszer – eine Art nationalmythologischer Disneypark – zur Geltung kam: Er bezeichnete die Magyaren als Volk des Totemtieres Turul.10

Doch all dies bekundet nicht nur die ästhetische und geschichtliche Vorstellungswelt von Politikern, sondern repräsentiert die gängige Meinung der ungarischen Bevölkerung. Es ist daher nicht verfehlt, diese Geschichtspolitik und Denkmalästhetik repräsentativ für breite Bevölkerungschichten zu betrachten – und nicht nur als die Vorstellungswelt mancher Politiker.

Besetzt oder Besessen?

Das Besatzungsdenkmal steht sinnbildlich tatsächlich allerdings in einer langen Tradition einer Sichtweise, die versucht für alle grauenhaften Taten während des Zweiten Weltkrieges andere verantwortlich zu machen und die eigene aktive Mitwirkung sowohl der Staatsbehörden als auch großer Teile der Bevölkerung zu verschweigen. Dies ist nicht bloß eine Taschenlüge einer Regierung, sondern es gründet auf einer Mentalität deren Devise etwa wie folgt lautet: Die Täter waren immer die Anderen.

Doch die Tatsachen sprechen nicht gerade dafür: Der österreichisch-ungarischen Monarchie ist – von Seiten Österreichs – nicht nur ein gewisser Schickelgruber zu ‘verdanken’, sondern – von Seiten Ungarns – auch die erste antisemitische Partei Europas.11 Der moderne institutionalisierte Antisemitismus ist bereits nach dem Zerfall der Monarchie, in einem ihrer Nachfolgestaaten entstanden: Die ersten ‘Judengesetze’ traten bereits im souveränen Ungarn der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts in Kraft, als noch weit und breit keine Besetzung des Landes in Sicht war, so u. a. Numerus Clausus für Juden in der Staatsverwaltung und in Hochschulen. Später kamen noch weitere Gesetze hinzu; so 1938, 1939, 1941. Im Gegenzug werden die Gefallenen der Ungarischen Truppen, die als Verbündete des Dritten Reiches an der Ostfront teilnahmen, noch heute als „Helden” (hősi halottak) bezeichnet.12

Das es bisher in Ungarn nicht zu einer Aufarbeitung der nahen Geschichte gekommen ist, zeigt sich insbesondere nicht nur im virulenten Antisemitismus, sondern gerade darin, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung den Holocaust als eine „jüdische Angelegenheit” betrachtet, die von einer fremden Macht ausgeübt worden ist. Denn „die Juden” waren, bzw. sind sowieso keine eigentlichen „Ungarn” oder nur in einer etwas eigenartigen Weise, die Imre Kertész in seinem Roman eines Schicksallosen mit ätzender Ironie beschrieben hat: „Auch der Gendarm (…) kam (…) in guter Absicht: ‘Leute’, nur diese Mitteilung wollte er machen, ‘ihr seid an der ungarischen Grenze angelangt!’ Bei dieser Gelegenheit wollte er einen Aufruf, man könnte fast sagen, eine Bitte an uns richten. Sein Wunsch war, daß, sollten bei irgend jemandem von uns noch Geld oder sonstige Wertsachen verblieben sein, wir ihm diese aushändigten. ‘Da, wo ihr hingeht’, meinte er, ‘werdet ihr keine Wertsachen mehr brauchen.’ Und was wir noch bei uns hätten, das würden uns die Deutschen sowieso alles abnehmen, versicherte er. ‘Warum sollte es dann’, so fuhr er (…) fort, ‘nicht lieber in ungarische Hände gelangen?’ Und nach einer kurzen Pause, die ich irgendwie als feierlich empfand, fügte er mit einer auf einmal wärmeren, ganz vertraulichen Stimme, als wolle er alles mit Vergessen überdecken, alles verzeihen, hinzu: ‘Schließlich seid auch ihr ja eigentlich Ungarn!’”13

Gegen das Besatzungsdenkmal wurde heftig protestiert und wird fortlaufend von Polizisten bewacht. Es gab Zusammenstöße und Festnahmen, u. a. waren auch ehemalige KZ-Häftlinge unter den Betroffenen. Es wurde ein „Lebendiges Denkmal”, ein im Kern aus Künstlern und Kunststudenten bestehender Kreis gebildet, der Vorträge und Diskussionen vor Ort organisiert. Allerdings ist hier zu bemerken, dass an diesem Protest nur relativ wenige teilnehmen und die Bevölkerung darüber kaum informiert ist.

Monumente, Medien, Message

Dies hängt nun wiederrum mit der eigenartigen ungarischen Medienlage zusammen. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem zum ersten Mal Tausende höchstqualifizierter Individuen einen Beruf daraus gemacht haben, sich in das kollektive öffentliche Denken einzuschalten, um es zu manipulieren, auszubeuten und zu kontrollieren.” – schrieb Marshall McLuhan bereits zu Beginn der Fünfzigerjahre, am Anfang seines ersten Buches Die mechanische Braut.14 Doch das Zeitalter von dem McLuhan spricht, hat in Mitteleuropa erst spät, fast ein halbes Jahrhundert später eingesetzt.

Die Zeitverschiebung in dieser Region, die bereits durch den nur schleppend voranschreitenden Entwicklungsprozess hin zur Moderne beeinträchtigt war, ist durch die Jahrzehnte der real existierenden Eiszeit, des „Sozialismus”, nur noch größer geworden. Erst in den Neunzigerjahren ist hier, mit der Privatisierung und Zunahme der Medien, jene Situation entstanden, die McLuhan in Nordamerika bereits um die Jahrhundertmitte diagnostizierte. So geschah es tatsächlich zum ersten Mal, dass Tausende höchstqualifizierter Individuen einen Beruf aus Bedienung und Betreiben der Medien machten – nicht zuletzt, um sie zu manipulieren, auszubeuten und zu kontrollieren.

Die Auswirkungen sind offensichtlich. Das italienische Beispiel zeigt insbesondere, welche Folgen es hat, wenn die Verfügung über die Vierte Gewalt dem sogenannten freien Markt und damit der Kontingenz und der Manipulation überlassen wird. Man kauft gut ein auf dem Markt der Medien, und damit auch nach und nach die Wählerstimmen, die Regierungen, den Staat…

Die Auswirkungen sind verheerend, und dies nicht nur für das kollektive öffentliche Denken; die Konsequenzen sind bereits im Wahrnehmen und Denken eines jeden Einzelnen spürbar. Exemplarisches Beispiel ist ein Ereignis, das ich vor kurzem mit einem Kunststudenten erlebt habe, den ich in einem Seminar bat, das Foto mit dem Titel Abgedeckte Krieger von dem Künstler Gábor Gerhes, aus dem Jahr 2004, zu deuten. Trotz eindeutiger Allusion auf Bekleidung und Farbe mancher nahöstlicher Kulturen interpretierte er das Bild als eine Darstellung der ungarischen Szene. Ich frage mich: wieso?

Gábor Gerhes: Abgedeckte Krieger

VERÖFFENTLICHT: J. A. Tillmann: Wort und Antwort 2017/1. 11-16. http://www.wort-und-antwort.de/inhalte.php?jahrgang=2017&ausgabe=1&artikel=4

COPYRIGHT J. A. Tillmann

1 Das Lange Jetzt wurde u. a. von dem Informatiker Daniel Hillis, der den Parallelrechner entwickelt hat, von Stewart Brand, Gründer des Global Business Network, von Kevin Kelly, Herausgeber der Zeitschrift Wired und von Brian Eno, Komponist und Künstler gestiftet.

2 Népszabadság, 28. 04. 2004.

3 Braudel, Fernand: A Földközi-tenger és a mediterrán világ, Bp., 1996, 177.o.

4 Deleuze, Gilles /Gauttari, Felix: Tausend Plateaus. Berlin,1992, 462.

5 Borbély, Szilárd:Várna, Mohács, Trianon, in: Szuverén.hu, 15.05. 2012.

http://szuveren.hu/vendeglap/borbely-szilard/varna-mohacs-trianon

6 Übersetzt von Hans Leicht.

7 von 325.411 km² auf 93.073 km²

9 Gerz, Jochen: Rede an die Jury des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, 14. November 1997, http://www2.dickinson.edu/glossen/heft4/gerzrede.html

13 Kertész, Imre: Roman eines Schicksallosen (Aus dem Ungarischen von Chr. Viragh), Rowohlt, 2008, 84.

14 McLuhan, Marshal: Die mechanische Braut. Volkskultur des industriellen Menschen, Vlg. der Kunst, Amsterdam 1996, 7.

J. A. Tillmann: Sie war zurückgekommen und heimgekehrt — Zu HEIDI PARIS’ STRANGER THAN LOVE – Budapest – Berlin 1989/90

június 2, 2015

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Heidi Paris, Michel Foucault

Nachwort zu

HEIDI PARIS: Stranger than Love,

Verlag Peter Engstler, Ostheim, 2015.

http://www.engstler-verlag.de/produkte/1/

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Bei der Lektüre ihrer Schrift berührt mich sogleich die innere Stimme, die im Gespräch nur selten zu vernehmen war. Diese Stimme klingt irgendwie vertraut, doch weicht sie deutlich ab von der gesprochenen Rede. Es beginnt schon mit den Themen, wie Wahrnehmungen und Sinneseindrücke. Dann die Beschreibung, die Erzählweise. Und auch, wie sich intensive Eindrücke mit Reflexionen verflechten.

Am selben Tisch im Café wie vor 3 Jahren.

Es war ein Herbsttag im Jahre 1986, als ich Heidi kennenlernte. Ihr Erscheinen vor unserer Wohnungstür war charakteristisch dafür, wie sie ihren Interessen nachging. Vor der Tür stand eine Frau mit einem älteren Mann – der zweiköpfige Merve Verlag persönlich, wie es sich sogleich herausstellte.

Mir fiel ein, dass ich vor ein paar Monaten dem Verlag einen Essay über Klaus Nomi zugeschickt hatte. Natürlich mit Schneckenpost. Statt einer Antwort standen mir nun die Adressierten selbst gegenüber. Heidi führte das Wort: Beide wollten den Verfasser kennenlernen, und da sie gerade in Graz am „steirischen herbst” teilnahmen, hatten sie einen Abstecher nach Budapest gemacht …

Vielleicht hatte das Thema wie auch das Exotische des Entstehungsorts des Textes das Interesse Heidi’s und Peter’s geweckt, eventuell gefielen den beiden nur ein paar Sätze meines Essays.1 Publizieren wollten sie ihn jedenfalls nicht, stattdessen später meinen Text über C. D. Friedrich.2

Damals arbeitete ich an einem Nomi gewidmeten Film. Seine Purcell-Interpretationen faszinierten mich ebenso wie die Ironie, mit der er sich zwischen den Musikbereichen bewegte. Es blieb davon nur ein Torso: Im Zerfall der sozialistischen Filmindustrie sollte der fertige Teil verschwinden. Nomi’s Musik eröffnete uns jedoch bereits bei der ersten Begegnung einen gemeinsamen Verständnishorizont, der sich in den nächsten Jahren um neue Themen erweitern sollte.

Mit dem Besuch von Heidi und Peter begann eine Freundschaft mit regem Austausch. Sie bedachten mich mit mehreren Dutzend Bänden, fast allen verfügbaren Titeln ihres Verlagsprogramms, auf einem bizarren Umweg: Die Bücher schickten sie zunächst an meine Tante im Rheingau, die sie bei ihrer nächsten Reise glücklich über die Grenze schmuggelte – eine alte Frau verdächtigte niemand solch brisanten Gedankenguts.

Allmählich zerfiel das Operettenbild von Ungarn

Heidi’s Schrift entstand drei Jahre später, als sie 1989 wieder nach Budapest gekommen war.

Sie kam mit leichtem Gepäck, einem Köfferchen, und trug einen eigenartigen Hut. In meiner Erinnerung liegt hinter diesem Bild eine Mondlandschaft: rauhes Terrain um ein halbfertiges Haus, das ihr Gastgeber mit Frau, zwei Kleinkindern und Katze im Herbst zuvor bezogen hatte.

Rückblickend zeigte sich ein Land, das inmitten seiner größten Umwälzung der letzten Jahrhunderthälfte stand. Bei einer so gewaltigen Transformation wurden Vorstellungen, Kräfte und Neigungen, die Menschen bewegen, transparent. Tiefere Schichten des Zusammenlebens traten in Erscheinung; und es gab auch eine sonst kaum erfahrbare Übersicht: über Bestand und Verfall, Strömungen und Wirbel einer Kultur; über deren reale und imaginäre Zentren, über gestaltende Energien, über die Dynamik der Ereignisse. Viele bunte Formen in einem Vortex, durch Wiederholung erkennbare Muster.

“Noch nie hatte sie so viele verschiedene Schrifttypen und Schilder gesehen …”
Keineswegs gab es so viele Grafiker in der Stadt, sondern die bunte Schriftlandschaft entsprang dem Mangel: Es mangelte an Material und Stilgefühl zugleich. So wurde viel gebastelt, was einerseits Kreativität hervorbrachte, andererseits Veraltetes bewahrte. Und nicht nur Formen, sondern auch Gedankengänge und Verfahrensweisen befanden sich im Wandel. Das Prämoderne „befleckte“ gleichsam permanent das Moderne und bildete mit der einsickernden Postmoderne eine sonderbare Mischung.

“In Ungarn spürte sie zum ersten Mal den keltischen Einfluß auf die Kultur.” Auch ein Freund aus Berlin bemerkte einmal, dass ihn das Land in mancher Hinsicht an Irland erinnerte. Die Ränder ähneln sich. Die periphere Position, das „Exotische“ der Sprache lassen Parallelen entstehen, die sich nicht zuletzt in den Konstrukten der Identität zeigen: Für alles sind die Besatzer verantwortlich oder Man muss provinziell sein (Roddy Doyle). Gemeinsamkeiten der Ränder gibt es auch in der Gefühlslage, im sinnlosen Sentimentalismus (Ripley Bogle).3 Spürbar bis hinein in die jüngste Zeit.

“Die Form ist kaleidoskopartig.” Derlei Einsichten wollte ich als Gegenüber mit ihr teilen und gleichzeitig kontextualisieren. Ich verwies auf meine historischen Erfahrungen und wagte ein paar leicht abgehobene geschichtsphilosophische Spekulationen, um ihr den Blick für die Rückbetrachtung zu schärfen. Nicht nur auf Vergangenes und Gegenwärtiges, auch auf Zukünftiges. Als eine Art Umkehr des archäologischen Blicks, den ich aus dem Geschichtsstudium kannte.

“Ihr Dialogpartner schaute von der Zukunft auf das Heute.” Die Klassiker der Science-Fiction waren mir früher vertraut als die der Literatur und halfen mir – wie später die Philosophie, eine Distanz zum „real Existierenden“ zu gewinnen. Es galt, durch eine mehrfach gebrochene Perspektive nicht nur das Bestehende, sondern auch das Zukünftige bereits in seinen Trümmern zu sehen.

“Er sprach von seinem Versuch, das Mythische in seiner komplexen Gestalt zu erfassen.” Ich hatte auch Probleme mit der Form: Wie lässt sich ein Ganzes in seinen Bruchstücken erfassen? Wie kann man das Fragmentarische zu einem locker zusammengefügten Fächer formen, so dass dieser funktioniert? Ich wollte diese Fragen nicht in einer linearen Narration auflösen, in der die vielen Ebenen, verschiedenen Gattungen und entsprechend vielen Perspektiven und Beschreibungsweisen verloren gehen würden.

Die “prophetischen Rede ihres Gegenübers” war nicht die eines Verkünders der Zukunft, sondern entsprang eher meiner enthusiastischen Suche nach der Form. Das Jahre später erschienene Buch – Der Fund von Ladom4 – berichtet zum Teil von einem künftigen archäologischen Fund, mitsamt diversen inzwischen entschlüsselten Textdateien: angefangen bei mythischer Dichtung, über die Dokumentation seltsamer Sitten und Gegenstände, bis hin zu Katalogbruchstücken einer verschollenen Bibliothek. Im Grunde genommen wird darin eine ironische Wissenschaft betrieben (mit Kommentaren, lexikalischen Einträgen, Quellenangaben etc.). Insofern war das Buch formal streng gegliedert, obwohl dessen pseudo-wissenschaftliche Kapitel selbstreflexive Eskapaden und windige Metareflexionen enthielten.

“Sie würden eine Publikation ungarischer Gespräche veröffentlichen.” In jenen bewegten Zeiten gab es regen Austausch. Da der Zugang zur Öffentlichkeit – in sämtlichen derzeitigen Medien, inklusive Zeitschriften und Publikationen aller Art – ziemlich beschränkt war, fanden Begegnungen meist im persönlichen wie im halböffentlichen Kreis statt. In der 80-ern gab es eine Tischgesellschaft, die sich Mittwoch abends im Café des Hotels Astoria traf.5 Literaten, Künstler, Philosophen waren darunter, auch der Schriftsteller Mihály Kornis, mit dem ich mich befreundete. Im Rahmen dieser Treffen entstand der Plan einer Gesprächsreihe, die den ein wenig dramatisch klingenden Titel Ezredvégi beszélgetések (Gespräche am Ende des Milleniums) bekam – doch dies entsprach unserer Situation inmitten eines sich in Auflösung befindenden Weltsystems.

Jahre später, nach der Wende, wurden diese Gespräche (zwischen 1991 und 2000), gemeinsam mit dem Regisseur András M. Monory für das ungarische Fernsehen realisiert, dann auch um internationale Gäste erweitert (Hans Belting, Hannes Böhringer, Pierre Bourdieu, Stanislaw Lem, James Lovelock u.a.). In Buchform sind zwei Bände erschienen6. Eine Auswahl sollte erscheinen unter dem Titel Budapester Gespräche in der Reihe von Stadt-Gesprächen des Merve Verlags (New Yorker Gespräche, Pariser Gespräche), konnte aber nie verwirklicht werden.

“Sie dachten gar nicht daran, das Land zu verlassen, in dem sie geboren waren.” Doch: das war für uns die Frage der Fragen, sobald wir uns klar machen wollten, wo wir lebten und in welcher Konstellation. Vielleicht war der kafkaeske Drang Weg-von-hier sogar stärker als die Anziehungskraft der bunten Fernen. Nur gab es auch manche Bedenken. Wie auch dumpfe Ahnungen. Ich wollte mich nicht noch einmal in einen anderen Alltag einüben. Es wäre auch zu spät gewesen: ich war schon erwachsen, eingewoben in viele Bindungen, vertraute persönliche und berufliche. Nur als Jugendlicher oder Student hätte ich noch in eine andere Kultur relativ glatt einsteigen können. So blieben wir auch das nächste Vierteljahrhundert am selben Ort, obwohl die Frage in den letzten Jahren wieder an Aktualität gewonnen hat …

In jenen Jahren fand ich meine Neigungen durch die theoretische Exzesse Paul Virilio’s bestätigt: Ich sah nicht nur das Zukünftige, sondern auch das Ankommen ohne abzureisen, den rasenden Stillstand permanenter Mobilität. Mein Unmut gegenüber umständlichen Reisen wuchs.

Seitdem hat sich manches auch bei mir geändert.

Aber das Unbeschreibliche bleibt unbeschreiblich.

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Mit der – in Heidi Paris’ Stranger… erwaehnte – Katze Biluma, 1980-er Jahre.

logoHomepage: http://www.heidi-paris.de/

1Ähnlich schien es auch bei Susan Sontag zu sein, die ausführlich auf meinen Text antwortete. Dessen englische Fassung auf http://www.c3.hu/~tillmann/english/nomi.html. Im Folgenden alle www-Angaben nur als /dateiname

2’Die Lebensstufen’ des Caspar David Friedrich. In: STOP ART. Ein Magazin. Merve, Berlin 1987

3Europa und seine Schriftsteller – ARTE; ungarische Textpublikation: Magyar Lettre Internationale 93. (2014/2), S. 14

4Tillmann, J. A.: A Ladomi lelet. Pesti Szalon, Budapest 1996; Palatinus 2007. Einige Kapitel auch auf englisch in: Die Planung / A Terv ( Ed. S. Bartoli, M. Conrads) Berlin-Budapest:
The Forgetters, No. 25, 2011: /forgetters.htm
The Advent of the Avatars, No. 247, 2048: /advent_of_the_avatars.htm
– Hyaena reclama, No. 117, 2036: /hyaena_reclama.htm

5Örley kör (Örley Kreis) war zunächst inoffiziell, später eine Organisation des Schriftstellerverbandes JAK.

6Monory, M. András / Tillmann, J. A.: Ezredvégi beszélgetések, Palatinus, Budapest 2000.; Ezred Kezdet, Palatinus, Budapest 2003

COPYRIGHT Tillmann, J.A,

J. A. Tillmann: Zum Schwabenzug

szeptember 13, 2014

Colorkurve

What is present? What is real? What is defining? – fragte eine Teilnehmerin des Projektes Schwabenzug”.* Und dies zu Recht, denn die Fragen treffen ins Schwarze, ins Schwarze des Projektes, wie auch gerade des Geschehens: des fortwährenden Verdunkelns eines Kapitels der mitteleuropäischen Geschichte, von dem beinahe nur noch die schwarze Projektionsfläche der Phantasie geblieben ist und das sich per se nur auf Erzählungen, Berichte, Fotografien, Briefe, Reliquien, etc. stützen kann.

Der Schwabenzug war die organisierte Besiedlung der infolge der türkischen Besatzung fast menschenleeren Gebiete des Königreiches Ungarn. Eine Völkerwanderung, die vor etwa dreihundert Jahren stattfand und die nicht, wie zumeist, von Ost nach West, sondern umgekehrt verlief. Der Zug folgte der Donau, an deren Ufern, bzw. nahe liegenden Gebieten Siedlungen entstanden. Die Donauschwaben haben Hölderlin zwar nicht lesen können, doch sie dachten wie er später auch: Hier aber wollen wir bauen. / Denn Ströme machen urbar / Das Land. (Der Ister)

Zu einem zweiten Schwabenzug kam es im Zeitalter der Extreme, im 20. Jahrhundert. Diesmal ging es in die entgegengesetzte Richtung. Dieser Zug ereignete sich nach dem Zweiten Weltkrieg und unter Zwang. Einige mussten gehen, andere konnten bleiben. Die Hälfte der ungarischen Donauschwaben wurde vertrieben und zerstreut. So landeten einige meiner Verwandten am Rhein, andere in Thüringen. Aber es war für jene nicht eine ersehnte Heimkehr ins „Vaterland” (damals: Westzone, bzw. Ostzone), denn sie hießen dort nämlich, als sie ankamen, ungarische Zigeuner.

Die ehemals agrarische Lebensweise war durch Autarkie und Isolation aber nicht nur Garant für das Fortbestehen der archaischen Kultur, sondern auch Grund der Stagnation, des nicht Mithalten Könnens mit den Entwicklungen der einst Einheimischen. Doch als die Modernisierung – mit Hilfe der totalitären „Kollektivierung” – auch die Lebenswelt der ungarischen Donauschwaben erreicht hatte, beschleunigte sich ihre Assimilierung und die traditionelle Lebensweise begann sich allmählich aufzulösen. Die beschwerliche Transformation aus dem ländlichen Dialekt des 18. Jahrhunderts ins zeitgenössische Deutsche gelang nur wenigen.

Als ich vor einigen Jahren in Pécs zwei alte Frauen ansprach, die miteinander ihren schwäbischen Dialekt sprachen, hörte ich im Weggehen, wie die eine zu der anderen sagte: „Ein Deutscher.”… Seit meine Großmutter vor vielen Jahre verstorben ist, spreche ich keine „Mundart” mehr und in meiner Umgebung gibt es niemanden, der es verstehen würde.

Was von dieser eigenartigen „Inkluse deutscher Kultur” geblieben ist, ist wenig: Alte Leute mit vielen Erinnerungen, Heimatmuseen, Nostalgie und viele stylistische Peinlichkeiten, denen man in zahllosen postmodernen Variationen sowieso schon begegnet. Die Fragen der Teilnehmerin gelten deswegen: What is present? What is real?

* Ein Gemeinschftsprojekt der Hochschulen Moholy-Nagy University of Art and Design, Budapest und Staatliche Akademie der Bildenden Künste­, Stuttgart

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J.A. Tillmann: Ikarus mit Germanwings

február 9, 2010

Ikarus 2x

Als ich mich auf den Weg machte, bestieg ich zuerst einen Ikarus. Ikaros war nicht nur das aufstrebende Kind von Daidalos, sondern auch der Markenname der in Ungarn erzeugten Autobusse. Eine Art Nationalsymbol im doppelten Sinne. Sie waren einst von Kairo bis Kasachstan und von Kuba bis Vietnam ein gutes Beispiel für die ungarische Technik und Arbeit, eigentlich bis zur jüngsten Vergangenheit, als die Firma nach einer langen Agonie zu guter Letzt Pleite machte. Andererseits war sie eines der repräsentativsten Beispiele für die nationalen Charakteristika: Vertrauen in die Zukunft, unbeugsamer Frohsinn und weiser Weitblick – denn wem fiele es noch ein, ein Fahrzeug mit dem Namen einer zur Abgehobenheit, Katastrophe und zum Verfall verdammten mythischen Gestalt zu benennen? Damit wären eigentlich die kulturanthropologischen Probleme der vergleichenden Wissenschaften über Gewohnheit, Faulheit und Muße exponiert.

Mit Germanwings flog ich nach Stuttgart. Was sich bei weitem nicht als so beflügelnd erwies, denn die Flügel des Flugzeugs hoben erst nach einer vierstündigen Verspätung ab. Das ist eigentlich eine gute Bedingung zum Studium des Nichtstuns. Der Warteraum ist ein idealer Platz für die Feldforschung. Er ist voll von sitzenden und wartenden Menschen, die sich langweilen. Manche blätterten Bildzeitschriften durch, ein alter Herr vertiefte sich in eine Reclam-Ausgabe von Nietzsches Geburt der Tragödie. (Besser später als nie? Oder: noch einmal…?) Eine schwedische Familie mit vier Kindern spielte am Boden Karten. In meiner Nähe saß ein vierzigjähriger ungarischer Mann mit Schnurrbart, der seine verkorkste Identität mit einem Buch von Albert Wass pflegte. [1]

Drei Tage – drei Bäder

Das Phänomen der Faulheit und des Nichtstuns kann am besten durch Beobachtung erschlossen werden. Ausgiebige Erfahrungen zu diesem Themenbereich habe ich vor allem auf der Bahn, in Bädern und an Stränden gesammelt – insbesondere in Budapester Heilbädern, die ich in erster Linie im Winter aufsuche, um die dunkle Jahreszeit zu überstehen, und in Hinblick auf Scheuermann[2], zudem noch an See- und Meeresufern, am ehesten an der Adria, wann immer ich es mir erlauben kann. Deswegen suchte ich auch auf deutschem Terrain derartige Plätze.

Die Besuche von solchen Bädern wie das Lukács oder das Rudas sind keine Wellness-Ausflüge, sondern Teil des Lebens. Diese Institutionen sind nach den mittelalterlichen und anderen Zwischenfällen wieder römisch geworden oder geblieben: sie sind Schauplatz des gesellschaftlichen Lebens, aber zugleich auch nahezu meditativer Rückzugs aus diesem. (Man kann dort andere Leute und Freunde treffen, oder sogar Arbeitsgespräche abhalten, wie in einem Café. Die Gesprächsfetzen, die aus den verschiedenen Richtungen zu hören sind, lauten: ich bitte dich… Überbrückungskredit…dann kam der)

Ist der Zweck des Besuches die Kontemplation, sind Bäder der absolut ideale Ort dafür. Es gibt nichts (niemanden) zu sehen, denn wegen der Dampfwolken sind zumeist nur verbrauchte, welke Körper verschwommen zu erkennen. So studiere ich im allgemeinen lieber das Schimmern des Wassers oder das Licht, das durch die Kuppel einfällt. Unter der Kuppel des Rudas-Bades ist das Entschweben sowohl elementar als auch kosmisch, als ob man aus dem Pantheon den Himmel betrachten würde. Aber hier gibt es noch dazu Wasser, das warm ist. So erinnert es einen weniger ans Himmelsgewölbe als an die Höhle der Gebärmutter, der Aufenthalt dort aber an den ursprünglich körperlosen und gewichtslosen Schwebezustand. Das halbkugelförmige Dach ist eine riesige Glasmandala: In sechs konzentrischen Kreisen ordnen sich Fenster mit sechszackigen Sternen aneinander, was gleichzeitig auf römischer, hebräischer und türkischer Tradition beruht. Dies ergänzen christliche Aspekte, wenn man unter ihr mit ausgebreiteten Armen im Wasser schwebt.

Als ich im Netz nach solchen deutschen Plätzen suchte, die den ungarischen Heilbädern gleichen, fand ich nichts Entsprechendes. Daß es sie doch gibt, stellte sich erst später heraus, als Kollege Kapielski mich auf die Stuttgarter Bäder aufmerksam machte. Natürlich kann es sein, daß die begriffliche Differenz zwischen Heilbad und Mineralbad einen ziemlichen Unterschied erahnen läßt, doch ist von ein und derselben Institution die Rede. Höchstens die Zusammensetzung der Mineralien weicht voneinander ab, die ja bei jedem Bad sowieso anders ist. Wäre der Grund der Divergenz eine kulturelle Konvention? Oder nur die politisch und korrekt scheinende sprachliche Verpackung der marktwirtschaftlichen Interessen?

In Stuttgart traf ich Tibor, einen alten Freund aus Pécs. Auch da kam das Gespräch aufs Mineralwasser, stimmt, nicht aufs Badewasser. Er erzählte, mit welchem Tempo im Norden des Plattensees, im Káli-Becken, der Wasserbestand von der Firma Nestlé abgepumpt wird, was ihre „Produktion” ums Vielfache erhöht, jedoch die Quellen und Brunnen der Umgebung zum Versiegen bringt. Das erinnerte mich an eine alte russische Science Fiction-Geschichte von Alexander Beljajew (Der Lufthändler[3]), in der die „segensreichen” Machenschaften des Hauptprotagonisten erst dann Aufmerksamkeit erregen, als er den Vorrat an vorhandener Luft bereits größtenteils für sich eingelagert hat, und ihn zu verkaufen beginnt…

MineralBad Cannstatt

Dieses Bad wird als „Insel der Ruhe” angepriesen. Es liegt vom Stadtzentrum am weitesten entfernt, ist eines der neuesten Gebäude und das teuerste. Vielleicht hat es auch deshalb verhältnismäßig wenig Besucher. Das Wasser ist dermaßen mit Mineralien gesättigt, daß die Auftriebskraft stärker ist als die des Meeres. Mit einem Aufzug gelangt man von den Schwimmbecken zu den Saunen. Von denen gibt es einige. Fast jeder ist nackt, trägt seine Nacktheit aber wie eine Kleidung. Wenn sie sich niedersetzen, achten sie darauf, daß sie sich nicht verknittert. Unter den vielen Saunen ist auch eine „meditative”, wo eine Aufschrift um gänzliche Ruhe bittet. Aber im Gegensatz dazu spielen sie dort ununterbrochen ein Potpourri aus Entspannungsmusik. Man kann auch im blauen Nichts, das hinter dem blauen Fenster schimmert , kontemplativ versinken. Genauso wie sich das ein Multikulti-Mäxchen so vorstellt. Die Atmosphäre ist ebenso lauwarm wie die Luft. Ich ergriff die Flucht.

Später geriet mir ein katholischer Flyer in die Hand, in dem neben anderen Kursen auch die Kombination aus Wellness und paulinischer Körperkonzeption angeboten wurde. Sie versuchen, das Schwarze „der Mode angepaßt” als trendmäßiges Weiße zu verkaufen (oder andersrum). Von einem Extrem ins andere: Auch Paulus neigte schon dazu, danach wurde das von den Anhängern Savanarolas, den Viktorianern und noch vielen anderen Arten der Manichäer sowie sonstigen kranken Seelen bis zur „Vollkommenheit” entwickelt – es gelang, ins andere Extrem zu fallen. Aber ein Ausgleich wird wohl nicht möglich sein, denn die lauwarme Mittelmäßigkeit ist nicht identisch mit dem Mittelweg zwischen den Extremen.

In der anderen Sauna sprach ein alter schwäbischer Herr mit seinem Freund. Es klang beinahe wie die Sprache meiner Großeltern. Sie kamen anscheinend aus einem Dorf, waren wahrscheinlich Bauern, denn in der Stadt sprach man Hochdeutsch. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an solche knochigen, hageren Gesichter. Binnen zwei Generationen hat sich die Anthropologie verändert.

Mineral-Bad Berg

Eine Atmosphäre der sechziger Jahre durchdringt diesen Ort. Das Wasser ist dunkel und eisenhältig. An der Wand in der Sauna befinden sich sogar drei Sanduhren. Bei uns gibt es nur eine. Dabei ist auch diese zumindest doppelt überflüssig, da die zeitmessende, auf dem Gebiet der Arbeitsverrichtung gut trainierte Menschheit auf die Minute genau Auskunft über das Verrinnen der Zeit geben kann, sogar in Ermangelung einer Uhr, indem sie sozusagen ihr Zeitgefühl in Anspruch nimmt. (In der Sauna ermahnt einen der Körper sowieso daran, und es ist möglich, ja es lohnt sich sogar, etwas länger, aber nicht viel länger, dort zu verweilen, als es einem erträglich erscheint.) Andererseits wäre gerade hier der Ort, aus allem auszusteigen: aus der normalen Dimension und der konventionellen Zeit. Aber es scheint, daß die Deutschen ihre Kleider leichter ablegen als ihren Arbeits- und Leistungszwang.

Trotzdem tauchten auch Themen der Muße auf: Der eine alte Herr erzählte seinem Gefährten über eine 135jährige Buche. Kurz vorm Schließen des Bades ertönte ein Schlager mit dem Refrain Auf Wiedersehen, öfters sogar. Die reinsten Klänge der sechziger Jahre.

Im griechischen Restaurant, in welches ich einkehrte, um Mittag zu essen, übten sich fünf Männer drei verschiedener Generationen im Nichtstun. Der Besitzer setzte sich von Zeit zu Zeit zu ihnen, sie sprachen miteinander, manchmal verstummten sie, qualmten nur vor sich hin, dann kam der Gesprächsfluß wieder in Gang.

Das Leuze Mineralbad

Dieses Bad lag am nächsten, war das beliebteste und meistbesuchte. Gut, daß ich es als letztes aufsuchte. Es ist groß, verwinkelt, und es braucht Zeit, bis man sich darin zurechtfindet. In der trockenen Sauna erinnerten sich alte Herren in fürchterlichem Dialekt an ihre Erlebnisse aus den sechziger Jahren: Wie herrlich war es, in der jugoslawischen Adria zu segeln.

Hier war die Nacktheit in der Nähe der Saunas nicht Empfehlung, sie war Pflicht: Ich wurde sogar getadelt, wieso ich denn eine Badehose trage… Aber wenn man in den Pausen zwischen den Saunabesuchen schwimmt, ist es doch einfacher, sich nicht immer umzuziehen. Man wies mich auch zurecht, nächstes Mal ein größeres Handtuch mitzubringen. Der gesellschaftliche Zwang scheint noch etwas größer zu sein als bei uns. Am nächsten Tag im neuen Kunstmuseum, das im ganzen gesehen einen ziemlich schwachen Bestand aufweist, sagte mir zudem der Saalwächter und zeigte es mir auch, wie ich mein Sakko zu tragen hätte. Das war aufs erste Hören so absurd, daß ich lachen mußte. Mit so etwas wurde ich das letzte Mal bei der Volksarmee traktiert. (Das Sakko hängte ich mir dann über die Schulter, aber nicht so, wie er es gezeigt hatte. Zu Hause hätte ich ihn wahrscheinlich zum Teufel geschickt.)

Solitude

Das Schloß Solitude hatte ich zwar eingeplant, bin aber dann doch nicht hinausgefahren, um seine Abgeschiedenheit zu erfahren. Teils weil in meinem Dachzimmer genügend davon vorhanden war, teils weil es sich nicht in die Tagesordnung einbauen ließ: in die Abfolge des müßigen und geschäftigen Sinnierens, der beobachtenden Anteilnahme, der mitgebrachten Arbeit, der Spaziergänge, der Siestas und Bäderbesuche. Aber dank der Gnade der Kontingenz sah ich dort den Film Die große Stille. Dieser Dokumentarfilm handelt von den Kartäusern, die in den Alpen leben. Sie bilden eigentlich keine Mönchsgemeinschaft, sondern sind Eremiten, die nebeneinander leben und sich dem Schweigen verschrieben haben. Sie arbeiten nicht, sondern weihen sich der Beschaulichkeit, denn es ist ein kontemplativer Orden. (In dieser Hinsicht zeigt aber der Film irreführend viele Arbeitsprozesse.) Ihren Lebensunterhalt sichern Spenden und Patentgebühren für das Rezept ihres Kräuterlikörs.

Neben den schönen Bildern fiel mir noch die extreme Lebensweise auf, in die der Film einen Einblick gewährte. Nicht die Art wie Mönche im allgemeinen leben, denn das kenne ich von den Benediktinern recht gut. Aber wie die Kartäuser leben, das erschien mir verhältnismäßig übertrieben. Die Kontemplation befindet sich nicht im Einklang mit der Tätigkeit, mit der Regel ora et labora. Das zeigt sich am augenscheinlichsten bei der Essensverteilung und während den Mahlzeiten, die genauso ablaufen wie in einem Gefängnis: So bekommen und verzehren Bewohner von Einzelzellen ihre Speisen. Und dies hat nicht viel mit der Nachfolge Christi zu tun, der, wie das in den Evangelien betont wird, auch mit den Zöllnern und Sündern gemeinsam gespeist hat. Im Gegensatz zu ihnen haben die Benediktiner ein Gespür für das richtige Verhältnis und die angemessene Form.

Voriges Jahr wurde mir während des Lesens eines Buches über den Alltag der Wüstenmönche[4] eine grundlegende Tatsache bewußt, worüber kein einziges Sachbuch handelt (auch das damals gelesene nicht), nämlich, daß es früher sehr schwer war, alleine zu leben: in der Welt der Städte nicht weniger als auf den Dörfern. Dem kann man heute vielleicht am ehesten in Asien begegnen. Ich zumindest habe dort eine Kostprobe davon bekommen. Im Falle der Mönche ist natürlich nicht bloß die Einsamkeit das Ziel, sondern viel eher das Erlangen eines anderen harmonischen Zustandes, worauf die monastische Tradition besonderen Wert legt. Denn das Sich-Zurückziehen von der (Außen)Welt bedeutet gleichzeitig die Suche der Nähe Gottes.

Von der Direktorin des Budapester Goethe Instituts hörte ich eine Geschichte, die die historische und kulturelle Problematik des Verhältnisses von Beisammensein und Alleinsein beleuchtet: Ein chinesischer Gaststudent traf bei ihren Freunden ein, die ihm auch eine Unterkunft gaben. Nach einigen Tagen bemerkten sie eines Nachts, daß sich jemand in ihrem Schlafzimmer befand. Es war der chinesische Student, der versuchte, sich am Boden einen Schlafplatz zu suchen. Als sie ihn darauf ansprachen, erzählte er, daß er in seinem ganzen Leben noch nie alleine gewesen wäre. Er war das ständige Beisammensein so sehr gewohnt, daß er alle Konventionen und Hemmungen übertretend um jeden Preis in menschliche Nähe gelangen wollte.

Synchronisation der Langeweile

Das Beispiel der Mönche ist in diesem Zusammenhang deshalb interessant, weil sie die Meditation praktizieren. Der Theoretiker der Faulheit, Tom Hodgkinson, behauptet diesbezüglich folgendes: „Es gibt keine reinere Form des Nichtstuns als die Meditation.”[5] Diese alte Praxis, die einen Teil der antiken Philosophie bildete, wird nicht nur durch die neuere Lebenskunst untermauert, sondern auch von einer Spitzenwissenschaft wie der Gehirnforschung. Detlef B. Linke schreibt in seinem Buch (Das Gehirn[6]) über die verschiedene Zeitwahrnehmung in den einzelnen Hirnhälften, bzw. Gehirnbereichen, da das Gehirn keine einheitliche „Rhythmussektion” hat. Deshalb gibt das Innehalten im Tätigsein – ganz bis hin zu seiner extremen Form, der Langeweile – unserem Gehirn die Möglichkeit, seine unterschiedlichen Zeiten einander anzugleichen, zu synchronisieren. Gemäß Linke könnte „die Reflexion über die Zeit einen Gewinn von erlebter Zeit mit sich bringen.” Dann fügt er noch hinzu: „Hierzu könnte man dann aber auch die selten positiv bewertete Erfahrung der Langeweile rechnen, die gemäß einem derartigen Modell in der Lage wäre, größere Synchronisationseinheiten herzustellen.”

Das Nichtstun, die Einstellung und Unterbrechung der Betätigung, besonders die verschiedenen Arten der Meditation, ermöglichen, daß die im Gehirn umherschwirrenden Sachen sich „ablagern”, ins richtige Verhältnis und dann an ihren entsprechenden Platz kommen können – im Kontext der Tage, des Lebens und der Welt. Wie im Gehirn die „leere” Zeit – die Langeweile – zur Synchronisation der verschiedenen Zeiten in den einzelnen Gehirnbereichen dient, so kann auch das Nichtstun eine Gelegenheit zur Sammlung und zum Stimmungsumschwung bieten. Deshalb kann man im Teich des Nichtstuns große Fische fangen, genauso wie man sich auch darin verlieren kann, da ja das Nichtstun uferlos werden kann, wenn man das andere Ufer aus den Augen verliert, wohin man an sich gelangen müßte: dort, wo sich das Gefilde der Taten befindet.

Arbeit

Es gibt auch anthropologische Voraussetzungen: die Freuden und Zwänge zur Bewegung und Betätigung des Körpers. Die Anstrengung, die zu einem Ergebnis führt – und gut tut, einen mit wohltuender Müdigkeit erfüllt. Sie ermöglicht einem auch, die Nützlichkeit des Tätigseins sinnlich zu empfinden.

Die Arbeit (insbesondere die sogenannte körperliche) hebt die Zeit auf, aber zumindest das Gefühl dafür. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich auf die Reihenfolge der Taten und Tätigkeiten und löst sich darin auf. Ist die Arbeit angenehm, zählen weder Minuten noch Stunden, ist sie jedoch unangenehm, fällt sie einem zur Last, schleppt sich dahin und ist eine pure Qual. Das hängt nicht von der Schwere der Arbeit ab. Als ich fünfzehn war, verrichtete ich einen Sommer lang Waldarbeit. Nach dem Kahlschlag mußte das Gelände für die Neuaufforstung gesäubert werden: bei sengender Hitze für mich wie für die mit mir arbeitenden Erwachsenen keine geringe Leistung. Trotzdem war es unsagbar gut, am Ende des Tages in der sommerlichen Dämmerung erschöpft nach Hause zu trotten.

Da ich nicht den Eindruck erwecken will, daß ich ein Held der Arbeit bin, eher das Gegenteil, stellt sich für mich die Frage, wie sich meine ursprüngliche Faulheit dennoch mit meinem zumeist geschäftigen Tätigsein vereinbaren läßt. Ich neige dazu, den Hang zur Faulheit als anthropologische Gegebenheit zu betrachten. Wir haben nämlich einen großen Drang zur Faulheit und sind heftig bemüht, das Nichtstun durch emsige, arbeitsame Tätigkeiten zu bekämpfen.

Für mich als Kopfarbeiter genauso wie für meinesgleichen ist der kritische Punkt natürlich nicht das Ende, sondern der Beginn der Arbeit, das Anfangen, besser gesagt: das Aufschieben. Daran leiden viele. Heutzutage wird dies als eine Art der Neurose angesehen: Procrastination, Aufschieberei. Hier taucht wieder der kulturanthropologische Gesichtspunkt auf: Welche Rolle spielt bei all dem die kulturelle Zugehörigkeit in Hinsicht auf die ursprünglichen Zielvorstellungen, Erwartungshaltungen sowie evolutionären Richtungen (siehe Ikarus) und konkret in Bezug auf die Arbeitskultur? Es ist nämlich nicht leicht, etwas zu beginnen und über die Anfangsschwierigkeiten hinwegzukommen, wenn es keine Perspektiven, keine minimalen gesellschaftlichen Vereinbarungen über auf die Gestaltung der Zukunft gibt, jedoch einen unbegrenzten Vorrat an historisch angehäuften und tradierten Mißerfolgen. Das Angebot solcherart gestimmter, wiederverwerteter Produkte ist übermäßig.

Zudem steht außer Zweifel, daß das Alltagsleben in den osteuropäischen Länder eine andere Last aufbürdete und immer noch aufbürdet, als die Tage, die weiter westlich vergehen. (Sie sind mühseliger, werden von schärferen Rändern umgeben, und das Sich-Hindurchkämpfen ist umständlicher…) Unsere westlichen Mitbrüder bewegen sich zumeist unter günstigeren Bedingungen auf besser geölten Schienen, auf angenehmeren Oberflächen. (Dennoch kann auch dort behauptet werden, daß das Leben an sich eine schwere Aufgabe ist, die man nicht immer gerne verrichtet – Dank an Andy Warhol für seine treffende Bemerkung.[7])

Auf der Bahn

Der Zug fuhr fast lautlos und ist im Vergleich zu den ungarischen viel schneller. Vom Zugfenster aus dominierten ununterbrochen Landschaftsbilder und Stilleben. (Obwohl manchmal auch einige expressionistische Industriebauten auftauchten, z. B. beim Frankfurter Flughafen der konstruktivistische Stil à la Calatrava.) Im Zug schlief kaum jemand, hingegen herrschte ein emsiges Treiben. Ein betagter Herr las mit Hilfe eines Wörterbuches einen englischen Text. Vor mir saß ein Büro, der Chef telephonierte, die Sekretärin werkte auf ihrem Laptop. Fast jeder las oder tat zumindest so, schaute manchmal ins Nichts oder musterte die anderen.

Die lange Reise unterbrechend suchte ich einen Platz, wo ich einige Stunden an Land gehen könnte. Ich wählte Göttingen. Es gab Zeiten, da halb Europa (aber sicherlich ihr östlicher Teil) dorthin geeilt ist. Noch im vergangenen Jahrhundert fand man Gründe, um diesen Ort aufzusuchen. Für mich ein Halt für einen Nachmittag. Eine beachtliche Altstadt mit einer Menge alter, seit Jahrhunderten unangetasteter Bürgerhäuser. Fast an jeder Fassade eine Gedenktafel, wer und wie lange dort gewohnt hat, wie zum Beispiel Benjamin Franklin, der Ossian-Dichter und noch andere örtliche und gesamtdeutsche Größen. Auf einem Plakat wurde Mozart so angepriesen: Tut dem Magen gut.

Hier befindet sich auch die größte ethnographische Sammlung des Landes. Aber es stellte sich heraus, daß man sie nur sonntags besichtigen kann, nur nach Voranmeldung – versteht sich! Aber was soll’s! Schließlich bin ich der Reisende und verfolge meine eigene Forschungsroute, in der natürlich auch die Entdeckungen anderer reichlich Platz finden. Neben dem Theater im Parkcafe schlug ich mein Lager auf: Auf dem Titelblatt der am Nebentisch gelesenen Zeitung prangte die triumphierende Schlagzeile: Die Arbeitslosenrate sank unter 4 Millionen. [8]

Wenn Arbeiter marschieren

Eine Vielzahl historischer und ethnographischer Tatsachen weist darauf hin, daß unsere Vorfahren jahrtausendelang ihre Zeit in erster Linie nicht mit Arbeit verbracht haben. Der Autor der Genesis faßt dieses Problem bündig zusammen: Arbeit ist eine Strafe, die im Zuge der Vertreibung aus dem Paradies über uns verhängt wurde. Das bedeutet andererseits, daß hier draußen, jenseits von Eden, ohne Arbeit die Rast nicht süß ist. Ist indessen Arbeit eine Bestrafung, dann geht das „Nichtarbeiten” mit Schuldbewußtsein einher. Das Nichtstun legt einem jedoch die Bürde des Zeitvertreibes auf. Ihre gemischten Formen konnte man auf den seinerzeitigen osteuropäischen Arbeitsplätzen und insbesondere beim Wehrdienst ausführlich studieren.

Meiner Meinung nach kann man für Ungarn drei Phasen unterscheiden: Die älteste, archaische Schicht ist das Ungarisch-Orientalische (oder euphemistisch ausgedrückt: das Südländische) – mit all ihren konventionellen Begleiterscheinungen. (Selbstverständlich hat jede Kultur im Laufe ihrer jahrtausendelangen Vorgeschichte einen gewissen Anteil daran abbekommen, doch je weiter östlicher, desto eher und um so länger.) In der ungarischen Literatur des 19. Jh. verkörpert das am markantesten die Gestalt Pál Patós. Seine Losung war: Ach, das hat ja noch Zeit! Von außen betrachtet, beleuchtet dies das Fragment Geist und Langeweile von Nietzsche, wo es heißt: Das Sprichwort: »Der Magyar ist viel zu faul, um sich zu langweilen« gibt zu denken. Die feinsten und tätigsten Tiere erst sind der Langeweile fähig. [9]

Die zweite Phase war die Epoche des „Komeinismus”[10]. Während des Systems der offiziellen Arbeitermythologie, das vier Jahrzehnte lang vorherrschte, entfaltete sich eine ganz einzigartige Kultur der Arbeitsvermeidung, Scheinarbeit und der kaum oder überhaupt nicht verrichteten Arbeit. Darüber hat man Bibliotheken voll geschrieben mit schöner und weniger schöner Literatur.

Die dritte Phase ist die Gegenwart, deren Anfänge zweifellos auf der vorherigen basieren. Beim Studium der Faulheit wurde mir bewußt, wieso die „ungarischen Wirrungen” – um einen Ausdruck von H. M. Enzensberger zu gebrauchen[11] – seit der Jahrtausendwende beträchtlich zugenommen haben bis hin zu den Unruhen der jüngsten Vergangenheit. Das begann nicht mit dem Neokapitalismus, sondern mit dem späten Komeinismus. Ungefähr ab 1981 bekamen die Arbeitnehmer eine Möglichkeit, sich neben dem bis dahin schon erlaubten sogenannten Nebenverdienst zu selbständigen Privatunternehmen zusammenzuschließen und auf ihren eigenen Arbeitsplätzen über die achtstündige Arbeitszeit hinaus in weiteren Stunden sich selbst auszubeuten.

Nach der Wende erhielt all das noch einen kapitalen (kapitalistischen) Querschlag. Das Ergebnis ist ein neurotisiertes Land mit einer Bevölkerung, die zum Großteil unfähig, ist ihre Ruhe, Besonnenheit und eine nüchterne Denkweise zu bewahren, sowie die elementarsten, alltäglichen normalen Umgangsformen überhaupt einzuhalten. Das hat wieder einmal Nietzsche diagnostiziert: Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Civilisation in eine neue Barbarei aus. [12]

Auf zum Meer

In Hamburg war ich zu Gast bei Thomas, einem langjährigen Freund von mir, der in den neunziger Jahren bei der deutschsprachigen Budapester Wochenzeitung Pester Lloyd als Journalist gearbeitet hat. Seit zwei Monaten arbeitslos war er sehr an der Sache interessiert, mit der ich mich beschäftigte. Arbeitslos zu werden, ist auch eine „Reise”, ein Perspektivenwechsel, denn dieselben Dinge erscheinen in einem anderen Licht. Der Kontrast zu früher wird sichtbar, die Welt anzweifelbar. Deshalb unterhielten wir uns viel.

Thomas fuhr mich mit dem Auto kreuz und quer umher: Häfen, Inseln, Kanäle, Neben- und tote Arme. Überall gab es neue Gebäude und Baustellen: Wohn- und Bürogebäude. Hamburg boomt, eines der wichtigsten Tore zum Meer für Mittel- und Osteuropa wird erweitert. Auf den Straßen befand sich eine Unmenge von Lastwagen, auf dem Festland und den Schiffen Hunderte von Containern. Schier alles wurde in Bewegung gesetzt und jeder bewegte sich.

Wir gingen zum Meer. „Ein Spaziergang am Meeresstrand kann sehr vieles lösen.” – diesen Satz habe ich einmal von einem Kunstkritiker gehört, der ihn im Zusammenhang mit der Weite der bildenden Kunst der Kulturen, die an einem Meer liegen, gesagt hat. Doch der Satz gilt allgemein. Das Meer ist nicht bloß eine große, zumeist von Wellen gefurchte Fläche, sondern eine Form, die Unendlichkeit unmittelbar begreifen und erfahren zu können. Leibniz meint: “Jede Seele erkennt das Unendliche, erkennt alles, freilich in undeutlicher Weise, so wie ich etwa, wenn ich am Meeresufer spazierengehe und das gewaltige Rauschen des Meeres höre.” [13] Das Meer befähigt dazu, sich von den Proportionen, den Relationen der Welt einen Begriff machen zu können. Miklós Erdély faßte die daraus resultierende Erfahrung in einer seiner aphoristischen Schriften zusammen: “Wenn du deine Augen auf zweierlei richtest, auf das immer Kleinere und das unüberschaubar Große, dann siehst du ein, daß du ein und dasselbe siehst, und dein alltäglicher Kummer verschwindet.” [14]

Als wir die Stadt hinter uns ließen, trübte es sich ein. Das Grau in Grau paßte gut zu dem Küstenstreifen der Nordsee: pure Eintönigkeit, eine flache, gleichförmige Landschaft mit Einzelgehöften und kleinen Dörfern. Manchmal begrenzten Deiche das Sehfeld. Dann endlich ein Strand mit dort aufgestellten Strandkörben. In diesen kann man sich aalen, wie aus einem Nest hinausschauen, das Meer und seine Weite betrachten. Um 1900 schrieb der positivistische Geograph Friedrich Ratzel über das Meer und seinen Reiz: “Die ungebrochene Fläche des Meeres ist die weiteste Ebene, die es in der Natur gibt. Ein großes Flachland mag ebensoviel Umblick gewähren wie das Meer – es ist niemals derselbe große Eindruck, weil dem Lande die Einheit des Stoffes und der Farbe fehlt, und weil überhaupt völlige Ebenheit auf dem Lande selten ist. Selten wird man auch in einförmigen Steppen und Wüsten den Eindruck haben, den Darwin beim Blick in die endlosen Buchten der Magalhäesstraße in die Worte faßte: sie schienen über die Grenzen dieser Welt hinauszuführen. Darin spricht sich die Unendlichkeit des Einförmigen aus. Wer den »Zug zum Meere« in sich selbst oder anderen, die davon erfaßt worden sind, prüft, wird immer auf die Weite der Horizonte als auf das tiefst Wirksame in der Wirkung der Meeresbilder geführt werden.[15]

Am Hafen

Freitags abends in Hamburg: Die Hektik der Woche legt sich. Auch im Büroviertel entspannen sich die verkrampften Gesichter. Auf den Wiesen, die sich rund um die Außenalster erstrecken, machten es sich die Menschen bequem allein, zu zweit oder in Gruppen. Es herrschte Ruhe und Frieden: sozusagen der Beginn des Sabbats. Nur als ob im Lauf der Dinge etwas ins Stocken geraten wäre, weshalb eine Fortsetzung nicht mehr möglich ist.

Es gibt keine Fischer. Hier fischen die Leute nicht. Sie vertreiben sich die Zeit auf andere Weise. Dabei ist das Fischen die purste und dennoch allgemein anerkannte Form des Nichtstuns. Es wird mit der alltäglichen Nützlichkeit, der Ausrüstung und den Techniken des Fischfangs bemäntelt, ist eine sorgsam getarnte Form der Kontemplation: das Wasser und der Himmel, das Schaukeln der Wellen, die Ruhe. Im Vergleich zum Fischen ist jedes andere in die Arbeitswelt integrierte Untätigsein – eigentlich auch die Nachtwache – viel eher eine „gesellschaftlich  nützliche Tätigkeit”. Dieser Begriff rührt von einer alten marxistischen Definition her, deren Unhaltbarkeit nicht nur auf Grund des Fiaskos ihrer kontinentgroßen Versuchsstation offensichtlich ist. Bei zahlreichen Arbeits-, Berufs- und Industriezweigen hat  sich schon herausgestellt, daß sie nicht nur nicht gesellschaftlich nützlich, sondern ausgesprochen schädlich sind. Das Fischen zählt heutzutage keineswegs zu den modernen Freizeitbetätigungen, nicht einmal – wie die Soziologin Roberta Sassatelli meint – das Faulenzen und das „süße Nichtstun” [16].

Was würde auch geschehen, wenn es den arbeitsamen Alltag nicht gäbe? Wohin würden die verschiedenen Prozesse ohne die ins Joch gespannten Körper und die in eine Richtung ausgerichteten Köpfe ausarten? Würden die untätigen Idyllen der phantastischen Literatur zur Wirklichkeit? Auch so kann man schon den unglaublich sprunghaften Anstieg der Prasserei wahrnehmen.

Dann hielten wir an einem Strand am Ufer der Elbe: der Ruhepunkt ein Café auf dem Sandstrand. Rundherum ältere Paare und Singles, junge Alleinstehende und mehr oder weniger sichtbar heruntergekommene Arbeitslose. Mütter mit ihren kleinen Kindern. Sie betrachteten wie wir das Fließen des Wassers, das Herannahen und Sich-Entfernen der Schiffe. Es tat gut, hier vom Strand aus das zu sehen und zu beobachten, worin man ohnehin ständig steckt: im Fluß der Dinge, in den Abläufen. Von außen, aus sicherer Distanz zur Bewegtheit des Fluidums. Schauen. Sitzen, Sichausstrecken, Sein.

Dann tauchte ein Gitarrist auf. Er hatte seinen Verstärker mitgebracht und fing zu klimpern an. Der akustische Kitsch entlarvte die Idylle. Wir brachen auf. Dann schon lieber der Strom.

Deutsch von Christine Rácz

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COPYRIGHT J. A. Tillmann

Erschienen: In FAULHEIT (Hrsg. von Viola Vahrson & Hannes Böhringer), Köln, 2008.


[1] Albert Wass ist zur Zeit der populärste nationale Hüter des Kitsches. Zuerst war er in Siebenbürgen ein Gräfchen, danach wurde er in Amerika die Stütze des „hungaristischen“  Nachrichtendienstes. In seinen Büchern verbindet sich die muffige Phantasiewelt mit der abgetakelten Erzählweise des 19. Jh. Ein Bild von seinen Büchern kann sich jmand verschaffen, wenn er die Die Glut [Piper Verlag, München, 1999] von Márai gelesen hat oder liest und dann noch den Kitschfaktor hoch drei nimmt. Im Gegensatz zu ihm konnte Márai jedoch schreiben, außerdem sind auch gute Bücher von ihm erschienen, was man von Albi Wass nicht behaupten kann. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, ist er heute einer der meistgelesensten Autoren der an der nationalen Neurose leidenden Mittelschicht und ein würdiges Beispiel ihres geistigen Niveaus.

[2] Holger Werfel Scheuermann war ein dänischer Orthopäde, nach dem der Morbus Scheuermann benannt ist und der ihn als erster diagnostiziert hat.

[3] Собрание сочинений т. 1-2.

[4] Lucien Regnault: La vie quotidienne des péres du désert, Hachette, Paris, 1990.

[5] Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang, Heyne Verlag, München, 2007. S. 303.

[6] Detlef B. Linke: Das Gehirn, C. H. Beck Verlag, München, 1999, S. 82-84.

[7] The Philosophy of Andy Warhol (From A to B & Back Again),1975. S. 110.

[8] Tagesspiegel: 2007-05-02.

[9] Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, In: Werke und Briefe. Bd. 2, S. 319.

[10] Komeinismus ist ein ironischer Begriff, der die Übereinstimmungen der im Laufe der Moderne aufgetretenen und auftretenden totalitären Regime, wie z. B. den Kommunismus und Chomeinismus, zum Ausdruck bringen soll. (Anm. der Übers.).

[11] Hans Magnus Enzensberger: Ungarische Wirrungen. In: Ach, Europa! Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1985. S. 126.

[12] Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, In: Werke und Briefe. Bd. 1, S. 903.

[13] Gottfried Wilhelm Leibniz: Vernunftprinzipien der Natur und Gnade, Übers. v. Artur Buchenau, Meiner, Hamburg, 1982, S. 18/19.

[14] http://arthist.elte.hu/Tanarok/SzoekeA/fulltexts/ACTA/Mondolat.htm

Erdély, Miklós: Mondolat. [„Der ungarische Titel Mondolat ist eine unübersetzbare Verballhornung aus mondat (Satz) und gondolat (Gedanke) und war der Titel einer Streitschrift gegen die von Ferenc Kazinczy (1759–1831) ausgehende ungarische Spracherneuerung, Anm. d. Übers.: Szőke Annamária”] In: Második kötet, [Zweiter Band], Magyar Műhely, Paris/Wien/Budapest, 1991, S. 5/6. Magyar Műhely, Nr. 67, 1983. AL 6., September 1983, S 41-42.

[15] Friedrich Ratzel: Das Wasser in der Landschaft. In: Globus. Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde, 81. Band, Braunschweig, Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, 1902. S. 147.

[16] Vgl.: Roberta Sassatelli: Tempo libero e luoghi del consumo. In: Consumo, cultura e società. Il Mulino, Bologna, 2004. S. 146.