J. A. Tillmann: Zum Schwabenzug

Colorkurve

What is present? What is real? What is defining? – fragte eine Teilnehmerin des Projektes Schwabenzug”.* Und dies zu Recht, denn die Fragen treffen ins Schwarze, ins Schwarze des Projektes, wie auch gerade des Geschehens: des fortwährenden Verdunkelns eines Kapitels der mitteleuropäischen Geschichte, von dem beinahe nur noch die schwarze Projektionsfläche der Phantasie geblieben ist und das sich per se nur auf Erzählungen, Berichte, Fotografien, Briefe, Reliquien, etc. stützen kann.

Der Schwabenzug war die organisierte Besiedlung der infolge der türkischen Besatzung fast menschenleeren Gebiete des Königreiches Ungarn. Eine Völkerwanderung, die vor etwa dreihundert Jahren stattfand und die nicht, wie zumeist, von Ost nach West, sondern umgekehrt verlief. Der Zug folgte der Donau, an deren Ufern, bzw. nahe liegenden Gebieten Siedlungen entstanden. Die Donauschwaben haben Hölderlin zwar nicht lesen können, doch sie dachten wie er später auch: Hier aber wollen wir bauen. / Denn Ströme machen urbar / Das Land. (Der Ister)

Zu einem zweiten Schwabenzug kam es im Zeitalter der Extreme, im 20. Jahrhundert. Diesmal ging es in die entgegengesetzte Richtung. Dieser Zug ereignete sich nach dem Zweiten Weltkrieg und unter Zwang. Einige mussten gehen, andere konnten bleiben. Die Hälfte der ungarischen Donauschwaben wurde vertrieben und zerstreut. So landeten einige meiner Verwandten am Rhein, andere in Thüringen. Aber es war für jene nicht eine ersehnte Heimkehr ins „Vaterland” (damals: Westzone, bzw. Ostzone), denn sie hießen dort nämlich, als sie ankamen, ungarische Zigeuner.

Die ehemals agrarische Lebensweise war durch Autarkie und Isolation aber nicht nur Garant für das Fortbestehen der archaischen Kultur, sondern auch Grund der Stagnation, des nicht Mithalten Könnens mit den Entwicklungen der einst Einheimischen. Doch als die Modernisierung – mit Hilfe der totalitären „Kollektivierung” – auch die Lebenswelt der ungarischen Donauschwaben erreicht hatte, beschleunigte sich ihre Assimilierung und die traditionelle Lebensweise begann sich allmählich aufzulösen. Die beschwerliche Transformation aus dem ländlichen Dialekt des 18. Jahrhunderts ins zeitgenössische Deutsche gelang nur wenigen.

Als ich vor einigen Jahren in Pécs zwei alte Frauen ansprach, die miteinander ihren schwäbischen Dialekt sprachen, hörte ich im Weggehen, wie die eine zu der anderen sagte: „Ein Deutscher.”… Seit meine Großmutter vor vielen Jahre verstorben ist, spreche ich keine „Mundart” mehr und in meiner Umgebung gibt es niemanden, der es verstehen würde.

Was von dieser eigenartigen „Inkluse deutscher Kultur” geblieben ist, ist wenig: Alte Leute mit vielen Erinnerungen, Heimatmuseen, Nostalgie und viele stylistische Peinlichkeiten, denen man in zahllosen postmodernen Variationen sowieso schon begegnet. Die Fragen der Teilnehmerin gelten deswegen: What is present? What is real?

* Ein Gemeinschftsprojekt der Hochschulen Moholy-Nagy University of Art and Design, Budapest und Staatliche Akademie der Bildenden Künste­, Stuttgart

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