J. A. Tillmann: Sie war zurückgekommen und heimgekehrt — Zu HEIDI PARIS’ STRANGER THAN LOVE – Budapest – Berlin 1989/90

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Heidi Paris, Michel Foucault

Nachwort zu

HEIDI PARIS: Stranger than Love,

Verlag Peter Engstler, Ostheim, 2015.

http://www.engstler-verlag.de/produkte/1/

                                                                       logo

Bei der Lektüre ihrer Schrift berührt mich sogleich die innere Stimme, die im Gespräch nur selten zu vernehmen war. Diese Stimme klingt irgendwie vertraut, doch weicht sie deutlich ab von der gesprochenen Rede. Es beginnt schon mit den Themen, wie Wahrnehmungen und Sinneseindrücke. Dann die Beschreibung, die Erzählweise. Und auch, wie sich intensive Eindrücke mit Reflexionen verflechten.

Am selben Tisch im Café wie vor 3 Jahren.

Es war ein Herbsttag im Jahre 1986, als ich Heidi kennenlernte. Ihr Erscheinen vor unserer Wohnungstür war charakteristisch dafür, wie sie ihren Interessen nachging. Vor der Tür stand eine Frau mit einem älteren Mann – der zweiköpfige Merve Verlag persönlich, wie es sich sogleich herausstellte.

Mir fiel ein, dass ich vor ein paar Monaten dem Verlag einen Essay über Klaus Nomi zugeschickt hatte. Natürlich mit Schneckenpost. Statt einer Antwort standen mir nun die Adressierten selbst gegenüber. Heidi führte das Wort: Beide wollten den Verfasser kennenlernen, und da sie gerade in Graz am „steirischen herbst” teilnahmen, hatten sie einen Abstecher nach Budapest gemacht …

Vielleicht hatte das Thema wie auch das Exotische des Entstehungsorts des Textes das Interesse Heidi’s und Peter’s geweckt, eventuell gefielen den beiden nur ein paar Sätze meines Essays.1 Publizieren wollten sie ihn jedenfalls nicht, stattdessen später meinen Text über C. D. Friedrich.2

Damals arbeitete ich an einem Nomi gewidmeten Film. Seine Purcell-Interpretationen faszinierten mich ebenso wie die Ironie, mit der er sich zwischen den Musikbereichen bewegte. Es blieb davon nur ein Torso: Im Zerfall der sozialistischen Filmindustrie sollte der fertige Teil verschwinden. Nomi’s Musik eröffnete uns jedoch bereits bei der ersten Begegnung einen gemeinsamen Verständnishorizont, der sich in den nächsten Jahren um neue Themen erweitern sollte.

Mit dem Besuch von Heidi und Peter begann eine Freundschaft mit regem Austausch. Sie bedachten mich mit mehreren Dutzend Bänden, fast allen verfügbaren Titeln ihres Verlagsprogramms, auf einem bizarren Umweg: Die Bücher schickten sie zunächst an meine Tante im Rheingau, die sie bei ihrer nächsten Reise glücklich über die Grenze schmuggelte – eine alte Frau verdächtigte niemand solch brisanten Gedankenguts.

Allmählich zerfiel das Operettenbild von Ungarn

Heidi’s Schrift entstand drei Jahre später, als sie 1989 wieder nach Budapest gekommen war.

Sie kam mit leichtem Gepäck, einem Köfferchen, und trug einen eigenartigen Hut. In meiner Erinnerung liegt hinter diesem Bild eine Mondlandschaft: rauhes Terrain um ein halbfertiges Haus, das ihr Gastgeber mit Frau, zwei Kleinkindern und Katze im Herbst zuvor bezogen hatte.

Rückblickend zeigte sich ein Land, das inmitten seiner größten Umwälzung der letzten Jahrhunderthälfte stand. Bei einer so gewaltigen Transformation wurden Vorstellungen, Kräfte und Neigungen, die Menschen bewegen, transparent. Tiefere Schichten des Zusammenlebens traten in Erscheinung; und es gab auch eine sonst kaum erfahrbare Übersicht: über Bestand und Verfall, Strömungen und Wirbel einer Kultur; über deren reale und imaginäre Zentren, über gestaltende Energien, über die Dynamik der Ereignisse. Viele bunte Formen in einem Vortex, durch Wiederholung erkennbare Muster.

“Noch nie hatte sie so viele verschiedene Schrifttypen und Schilder gesehen …”
Keineswegs gab es so viele Grafiker in der Stadt, sondern die bunte Schriftlandschaft entsprang dem Mangel: Es mangelte an Material und Stilgefühl zugleich. So wurde viel gebastelt, was einerseits Kreativität hervorbrachte, andererseits Veraltetes bewahrte. Und nicht nur Formen, sondern auch Gedankengänge und Verfahrensweisen befanden sich im Wandel. Das Prämoderne „befleckte“ gleichsam permanent das Moderne und bildete mit der einsickernden Postmoderne eine sonderbare Mischung.

“In Ungarn spürte sie zum ersten Mal den keltischen Einfluß auf die Kultur.” Auch ein Freund aus Berlin bemerkte einmal, dass ihn das Land in mancher Hinsicht an Irland erinnerte. Die Ränder ähneln sich. Die periphere Position, das „Exotische“ der Sprache lassen Parallelen entstehen, die sich nicht zuletzt in den Konstrukten der Identität zeigen: Für alles sind die Besatzer verantwortlich oder Man muss provinziell sein (Roddy Doyle). Gemeinsamkeiten der Ränder gibt es auch in der Gefühlslage, im sinnlosen Sentimentalismus (Ripley Bogle).3 Spürbar bis hinein in die jüngste Zeit.

“Die Form ist kaleidoskopartig.” Derlei Einsichten wollte ich als Gegenüber mit ihr teilen und gleichzeitig kontextualisieren. Ich verwies auf meine historischen Erfahrungen und wagte ein paar leicht abgehobene geschichtsphilosophische Spekulationen, um ihr den Blick für die Rückbetrachtung zu schärfen. Nicht nur auf Vergangenes und Gegenwärtiges, auch auf Zukünftiges. Als eine Art Umkehr des archäologischen Blicks, den ich aus dem Geschichtsstudium kannte.

“Ihr Dialogpartner schaute von der Zukunft auf das Heute.” Die Klassiker der Science-Fiction waren mir früher vertraut als die der Literatur und halfen mir – wie später die Philosophie, eine Distanz zum „real Existierenden“ zu gewinnen. Es galt, durch eine mehrfach gebrochene Perspektive nicht nur das Bestehende, sondern auch das Zukünftige bereits in seinen Trümmern zu sehen.

“Er sprach von seinem Versuch, das Mythische in seiner komplexen Gestalt zu erfassen.” Ich hatte auch Probleme mit der Form: Wie lässt sich ein Ganzes in seinen Bruchstücken erfassen? Wie kann man das Fragmentarische zu einem locker zusammengefügten Fächer formen, so dass dieser funktioniert? Ich wollte diese Fragen nicht in einer linearen Narration auflösen, in der die vielen Ebenen, verschiedenen Gattungen und entsprechend vielen Perspektiven und Beschreibungsweisen verloren gehen würden.

Die “prophetischen Rede ihres Gegenübers” war nicht die eines Verkünders der Zukunft, sondern entsprang eher meiner enthusiastischen Suche nach der Form. Das Jahre später erschienene Buch – Der Fund von Ladom4 – berichtet zum Teil von einem künftigen archäologischen Fund, mitsamt diversen inzwischen entschlüsselten Textdateien: angefangen bei mythischer Dichtung, über die Dokumentation seltsamer Sitten und Gegenstände, bis hin zu Katalogbruchstücken einer verschollenen Bibliothek. Im Grunde genommen wird darin eine ironische Wissenschaft betrieben (mit Kommentaren, lexikalischen Einträgen, Quellenangaben etc.). Insofern war das Buch formal streng gegliedert, obwohl dessen pseudo-wissenschaftliche Kapitel selbstreflexive Eskapaden und windige Metareflexionen enthielten.

“Sie würden eine Publikation ungarischer Gespräche veröffentlichen.” In jenen bewegten Zeiten gab es regen Austausch. Da der Zugang zur Öffentlichkeit – in sämtlichen derzeitigen Medien, inklusive Zeitschriften und Publikationen aller Art – ziemlich beschränkt war, fanden Begegnungen meist im persönlichen wie im halböffentlichen Kreis statt. In der 80-ern gab es eine Tischgesellschaft, die sich Mittwoch abends im Café des Hotels Astoria traf.5 Literaten, Künstler, Philosophen waren darunter, auch der Schriftsteller Mihály Kornis, mit dem ich mich befreundete. Im Rahmen dieser Treffen entstand der Plan einer Gesprächsreihe, die den ein wenig dramatisch klingenden Titel Ezredvégi beszélgetések (Gespräche am Ende des Milleniums) bekam – doch dies entsprach unserer Situation inmitten eines sich in Auflösung befindenden Weltsystems.

Jahre später, nach der Wende, wurden diese Gespräche (zwischen 1991 und 2000), gemeinsam mit dem Regisseur András M. Monory für das ungarische Fernsehen realisiert, dann auch um internationale Gäste erweitert (Hans Belting, Hannes Böhringer, Pierre Bourdieu, Stanislaw Lem, James Lovelock u.a.). In Buchform sind zwei Bände erschienen6. Eine Auswahl sollte erscheinen unter dem Titel Budapester Gespräche in der Reihe von Stadt-Gesprächen des Merve Verlags (New Yorker Gespräche, Pariser Gespräche), konnte aber nie verwirklicht werden.

“Sie dachten gar nicht daran, das Land zu verlassen, in dem sie geboren waren.” Doch: das war für uns die Frage der Fragen, sobald wir uns klar machen wollten, wo wir lebten und in welcher Konstellation. Vielleicht war der kafkaeske Drang Weg-von-hier sogar stärker als die Anziehungskraft der bunten Fernen. Nur gab es auch manche Bedenken. Wie auch dumpfe Ahnungen. Ich wollte mich nicht noch einmal in einen anderen Alltag einüben. Es wäre auch zu spät gewesen: ich war schon erwachsen, eingewoben in viele Bindungen, vertraute persönliche und berufliche. Nur als Jugendlicher oder Student hätte ich noch in eine andere Kultur relativ glatt einsteigen können. So blieben wir auch das nächste Vierteljahrhundert am selben Ort, obwohl die Frage in den letzten Jahren wieder an Aktualität gewonnen hat …

In jenen Jahren fand ich meine Neigungen durch die theoretische Exzesse Paul Virilio’s bestätigt: Ich sah nicht nur das Zukünftige, sondern auch das Ankommen ohne abzureisen, den rasenden Stillstand permanenter Mobilität. Mein Unmut gegenüber umständlichen Reisen wuchs.

Seitdem hat sich manches auch bei mir geändert.

Aber das Unbeschreibliche bleibt unbeschreiblich.

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Bilumaval80asokban

Mit der – in Heidi Paris’ Stranger… erwaehnte – Katze Biluma, 1980-er Jahre.

logoHomepage: http://www.heidi-paris.de/

1Ähnlich schien es auch bei Susan Sontag zu sein, die ausführlich auf meinen Text antwortete. Dessen englische Fassung auf http://www.c3.hu/~tillmann/english/nomi.html. Im Folgenden alle www-Angaben nur als /dateiname

2’Die Lebensstufen’ des Caspar David Friedrich. In: STOP ART. Ein Magazin. Merve, Berlin 1987

3Europa und seine Schriftsteller – ARTE; ungarische Textpublikation: Magyar Lettre Internationale 93. (2014/2), S. 14

4Tillmann, J. A.: A Ladomi lelet. Pesti Szalon, Budapest 1996; Palatinus 2007. Einige Kapitel auch auf englisch in: Die Planung / A Terv ( Ed. S. Bartoli, M. Conrads) Berlin-Budapest:
The Forgetters, No. 25, 2011: /forgetters.htm
The Advent of the Avatars, No. 247, 2048: /advent_of_the_avatars.htm
– Hyaena reclama, No. 117, 2036: /hyaena_reclama.htm

5Örley kör (Örley Kreis) war zunächst inoffiziell, später eine Organisation des Schriftstellerverbandes JAK.

6Monory, M. András / Tillmann, J. A.: Ezredvégi beszélgetések, Palatinus, Budapest 2000.; Ezred Kezdet, Palatinus, Budapest 2003

COPYRIGHT Tillmann, J.A,

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