J. A. Tillmann: Monumente, Räume, Zeiten. „Understanding“ Ungarn

 

 

 

 

 

 

Istvan Janáky

In der Nähe des Heldenplatzes in Budapest steht ein Zeitrad, das – laut Wikipedia – die größte Sanduhr der Welt ist. Das Zeitrad ist ein Rad mit einem Durchmesser von 8 m, bei einer Breite von 2,5 m. Die Sanduhr läuft jährlich ab und sollte sich – laut ihres Erfinders János Herner – ursprünglich sogar bewegen. Denn Herners Ziel war es, „die Zeit auch plastisch darzustellen, deshalb sollte die 60 Tonnen schwere Sanduhr nicht einfach nur aufgestellt werden, sondern auch langsam rollen – daher auch ihre Form”.

Um die Jahrtausendwende wollte man vielerorts diesem Schrumpfen des Zeitempfindens und der sich somit als immer kürzer werdenden gefühlten Jetztzeit etwas entsprechend Konträres entgegensetzen. The Clock of the Long Now – entwickelt von der Long Now Foundation – ist u. a. solch ein Versuch diese Veränderungen in einem entsprechenden Format darzustellen. The Clock of the Long Now, als monumental geplantes Uhrwerk, ist bisher nur in Form eines Prototyps in zwei Meter Größe realisiert worden.1

Obwohl es beim Budapester Zeitrad ausgesprochen um die Zeit geht, stehen jedoch räumliche Aspekte im Vordergrund, wie dies eine Umfrage – die vor der Errichtung des Rades, unter jeweils 100 Ausländern sowie unter jeweils 100 Ungarn (Architekten, Fachleute aus der Tourismusbranche, etc.) durchgeführt wurde – offensichtlich zeigt. Es ging dabei um die Frage, ob der Durchmesser des Zeitrades von 8 Metern zu viel oder zu wenig wäre. Das Ergebnis, so Herner in einem Interview, war außerordentlich: „Von 100 Ausländern fragten 97, warum das Rad so klein und von 100 Ungarn 92, warum es so groß ist!”2

Monument, das die Tragweite der vergehenden Zeit entsprechend darstellen will, muss monumental sein. Mit einem Durchmesser von 8 Metern ist ein Rad der Zeit belanglos. Konkret heißt das, dass man an das Budapester Zeitrad ganz nah herangehen muss, um es überhaupt in seiner mit Bedeutungen überladenen Umgebung wahrnehmen zu können. Mit anderen Worten, das Monument müsste entsprechend dem Vorhaben in einer anderen Größenordnung angesiedelt sein, um den erwünschten Effekt zu erreichen. Im Hinblick auf die Proportionen seiner Umgebung bedeutet dies aber, dass ein Durchmesser von 20-30 Metern nötig wäre, damit das Rad erst gleich hoch mit der Giebelhöhe der umliegenden Bauten ist und so nicht in seinem ihn völlig überragenden Hintergrund verschwindet .

Diese merkwürdige Kleinsicht auf die Welt offenbart sich aber auch in anderen Bereichen. Der ungarische Schriftsteller Győző Határ, der nach 1956 in London lebte, brachte diese merkwürdige Kleinsicht treffend auf den Punkt, indem er vor einigen Jahren in einem Rundfunk-Interview sagte: Die ungarische Elite sieht durch ihre Provinzialität die Welt kaum. Dies mag erstaunlich klingen, aber es spricht mehr dafür, als dagegen.

Sucht man nach Ursachen für diese so merkwürdige Sicht, dann findet man in der Entwicklung und Ausformung moderner Raumvorstellungen – bereits beginnend um 1500 mit der Auflösung des christlich-lateinischen Universalismus und mit der Herausbildung nationalsprachlicher Schriftkulturen – entscheidende Unterschiede in den verschiedenen europäischen Regionen. Dieses Entstehen solch national-kultureller Räume vollzog sich gleichzeitig mit der europäischen Expansion und mit der darauffolgenden Raumrevolution (Carl Schmitt). So waren es denn nicht nur einzelne Reisende, sondern von seefahrenden Nationen beinahe alle Volksschichten, die auf direkte oder vermittelte Weise mit fernen Kontinenten in Berührung gekommen sind.

Und diese Auswirkung des Meeres beschrieb Fernand Braudel in seinem monumentalen Mittelmeer-Buch zusammenfassend mit folgendem Satz: „Das Leben des Meeres breitet sich in mächtigen Wellen weit über dem Küstengebiet aus.3 Folglich konnte sich bei seefahrenden Völkern, im Gegensatz zu denen, die Meeres-Erfahrung verschlossen blieb, eine bis heute währende rämlichere Sicht auf die Welt entwickeln: Denn verfügt man über Meeresküsten als Landesgrenzen, sogar noch über Überseedepartements, ist man geneigt, die Welt eher global als provinziell zu betrachten und dies auch heute noch, obwohl seit einigen Jahrzehten die Satellitenbilder der täglichen Wetterschau einen Einblick in die wahren Proportionen lokal-nationaler Größen und Größenordnungen ermöglichen, auch für jene, die über kein Meer oder gar Ozeane als Landesgrenzen verfügen und selbst noch keinen Spaziergang an irgendeiner Küste erleben konnten.

Nachdem sich nun der Himmel mitsamt dem Christentum und seiner Universalität in den Hintergrund zurückgezogen hatte, trat die Erde – allen voran in Form des heimischen Bodens – in den Vordergrund und dies am stärksten dort, wo weit und breit kein Meer in Sicht war! So ertönt ein neuer Schlachtruf, wie Gilles Deleuze und Felix Guattari in Tausend Plateaus schreiben: „Die Erde, das Territorium und die Erde! Mit der Romantik gibt der Künstler seine Ambitionen auf eine rechtmäßig verbürgte Universalität (…) auf: er territorialisiert sich…”4

Doch genau dies geschah bei den romantischen Dichtern mitteleuropäischer Nationen, die nicht nur Verfasser von Dichtungen, sondern gleichzeitig auch Gestalter nationaler Identitätskonstruktionen waren.5 Für diese Konstrukte verwendeten sie legendäre Erzählungen, fabelhafte Genealogien und so manch andere Tatsachen. Es entstand im religiösen Vakuum dieses Zeitalters des Nihilismus eine neue Glaubenswelt mit Nationalgöttern, Heiligenkulten und Sakralräumen. Die Poeten-Priester verkündeten ihre Phantasmen und schrieben die Texte einer neuen Nationalliturgie. Der Widerhall ihrer Glaubens- und Weltvorstellungen war und ist bis heute bei jeder Volksversammlung, Schulfeier und bei allen Staatsandachten zu hören.

In Ungarn flößte der Dichter Mihály Vörösmarty, der zum engsten Kreis ungarischer Identitätskonstrukteure gehörte, so ganz nebenbei Generationen durch sein „Nationalgebet” Szózat (Mahnruf) eine beachtlich bodenständige Welt- und Raumfurcht ein. Der Refrain dieses „Gebetes”, das jedem ungarischen Grundschüler eingeprägt wird, verkündet nämlich die Mahnung: Die weite Welt gibt anderswo / nicht Raum noch Heimat dir.6

Aber nebenbei bemerkt, überschritt der Dichter selbst nie die Landesgrenzen und musste so weder den Raum der weiten Welt erleiden, noch den Anblick des weiten Meeres ertragen, ebenso wie die meisten seiner Konstrukteur-Kollegen und sonstigen Landesgenossen jenes Zeitalters – das garantierten die österreichischen Beamten und Grenzwachen. Nur wenigen seiner Zeitgenossen gelang es, darunter dem „grössten Ungarn” – dessen Muttersprache übrigens deutsch war –, dem Grafen István Széchényi, dank seines Vaters hoher Anstellung am Wiener Hof, das Land in Richtung England zu verlassen.

Allerdings muss im Falle Ungarns, zu den bereits erwähnten – die osteuropäischen Raumvorstellungen prägenden – Gegebenheiten und Ereignissen, noch eine Weitere in Betracht gezogen werden: der Vertrag von Trianon. Nach diesem Vertrag – einem der Pariser Friedensverträge, die den Ersten Weltkrieg formal beendeten – erlitt das Königreich Ungarn einen außerordentlichen Gebietsverlust: mehr als zwei Drittel seines Territoriums fielen den Nachbar- und Nachfolgestaaten zu.7 

Indes hätten diese Gebietsabtretungen – die größtenteils nicht von Ungarn besiedelte Territorien betrafen – für sich alleine vermutlich keine bedeutende Wirkung auf die Raumvorstellungen ausgeübt, wenn nicht in dem halben Jahrhundert vor Trianon eine sehr eigenartige Sozialentwicklung stattgefunden hätte. Denn in Ungarn, wie der Sozialwissenschaftler István Bibó feststellt, hatte in dieser Zeit der verarmte niedere Adel – der mit seinen mehr als 10% der Gesamtbevölkerung eine bedeutende Rolle spielte – „massenhaft die verwaltenden und intellektuellen Funktionen der [verschiedenen] Ämter inne. […Und dies hat] dem adeligen Bewußtsein eine vorherrschende Position über das intellektuelle Rollenbewußtsein gesichert.”

Folglich führten die Gebietsverluste – außer für die direkt betroffenen Landesbewohner, die sich plötzlich in den neuen Nachbarländern befanden – zunächst für die Adeligen zu negativen Konsequenzen, denn das Schrumpfen des Landes bedeutete auch das Schwinden ihres Einfluß- und Machtbereiches. So wurden im adeligen Bewußtsein diese, den „Nationalkörper verstümmelnden” Ereignisse – wie es damals hieß – wesentlich stärker noch als solche empfunden, die die eigene Identität beschädigten. Insbesonders fühlte sich die kleinadlige „herrische Mittelklasse” – wie sie sich öffentlich nannte – in diesem ungemein schmäler gewordenen Rahmen der neuen Landesgrenzen eingeschränkt, und verfiel zwischen den beiden Weltkriegen einer Melange aus Revanche und Ressentiment. Entscheidend ist aber, dass durch ihre vorherrschende Position eben gerade auch ihr Raumempfinden das Maßgebende, das medial verbreitete Raumgefühl wurde.

Geschichte wird gestaltet

Aber in Ungarn gibt es nicht nur eine seltsam geartete Raumwahrnehmung, sondern auch eine, besonders die geschichtliche Vergangenheit betreffende, merkwürdige Auffassung der Zeit. Diese fand neuerlich sogar Einzug ins Grundgesetz, indem der Zeitraum zwischen 1944 und 1990 durch einen Kunstgriff einfach ausgeklammert worden ist.8 So heißt es nun, dass Ungarn in diesen Jahren von fremden Mächten besetzt war und es keinen souveränen Staat gab. Die Nation ist demnach für diese Zeit nicht verantwortlich. Dermaßen soll ein halbes Jahrhundert verbannt werden, da es nach dieser merkwürdigen Geschichtsauffassung nicht zur ungarischen Geschichte gehört.

In diesem Sinne ist auch vor kurzem der Platz vor dem Parlament in seinen Zustand der Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts umgestaltet worden. Dieser „Hauptplatz der Nation” – so sein neuer Name – wird nun von Nachbildungen früherer Denkmäler fragwürdiger Politiker geziert.

Gleichzeitig wird die historische Kitschkulisse des Landes nicht nur dahingehend rekonstruiert, sondern stetig weiterentwickelt und ausgeweitet. Hierfür ist das eklatanteste Beispiel, das neue Denkmal – ein Besatzungsdenkmal –, das unweit des Parlaments, am Szabadság- (Freiheit-) Platz, gebaut wird und, das an dem Tag eingeweiht werden soll, an dem die Truppen des – übrigens verbündeten – Dritten Reiches einmarschiert sind. Miklós Horthy, damaliges Staatsoberhaupt, ist nach dem Einmarsch der Wehrmacht, als sogenannter „Reichsverweser” nicht abgesetzt worden, und galt als „Hitlers letzter Trabant”.

Das Denkmal ist „als Spiegelbild der Gesellschaft” nicht nur deswegen problematisch – wie es Jochen Gerz formuliert – , „da es die Gesellschaft nicht nur an Vergangenes erinnert, sondern zusätzlich – und das ist das Beunruhigendste daran – an die eigene Reaktion auf diese Vergangenheit.9

Das Besatzungsdenkmal ist als Kunstwerk ebenso peinlich, wie es als Denkmal töricht ist. Auf dem Hintergrund eines Tympanons mit klassizistischen Säulen erhebt sich eine Engelsgestalt, die von einem großen Vogel angegriffen wird. Die gebrochene Säulenreihe, ebenso wie die Gestalt des Engels ähnelt dem Denkmal am Heldenplatz. Der Engel ist Erzengel Gabriel, der die ausgelieferte, unschuldige und hilfsbedürftige Nation der Magyaren versinnbildlichen soll, der Adler ist der Reichsadler des Bösen.

Es ist tatsächlich eine sehr „primitive Allegorisierung”, wie der Kunstwissenschaftler András Rényi bemerkt, so primitiv, dass es für das einfachste Kind des Volkes auch deutbar ist. Aber die Tatsache, dass die Besatzung eines Landes mit einem Denkmal geehrt wird, ist an sich schon eigenartig. Doch dahinter steckt nicht die Neigung zu einem kollektiven Masochismus, sondern ein verlogenes, geschichtsrevisionistisches Narrativ. Laut der Aufschrift soll das Monument „dem Gedächnis aller Opfer” gewidmet sein. „Direkt behauptet es aber weder etwas über den jüdischen Holocaust, noch über die Verantwortung der Ungarn – schreibt Rényi –, vieleher spricht es in anderen Registern: Es ist nicht über den Verlust ungarischer Menschen, sondern um den Verlust der ungarischen Souveränität besorgt.”

Seine wahrhafte Bedeutung und seine besonders erhabene Charakteristik bekommt das Besatzungsdenkmal aber erst durch seine Lage: Es erhebt sich direkt am Ein- und Ausgang einer Tiefgarage, es dient praktisch als deren Fassade – worin sich der Feinsinn seines Bauherren adäquat ausdrückt. Die feinfühlige Positionierung dieses Tiefgaragendenkmals entstammt übrigens ebenso aus der verlogenen Geschichtsauffassung: Es soll das Gegenstück des am anderen Ende des länglichen Platzes stehenden sowjetischen Befreiungsdenkmals bilden. Beide sind somit in der Hauptachse des Platzes symmetrisch positioniert.

Das ästhetische Feingefühl des Regierungschefs zeigte sich schon früh, bereits während seiner ersten Amtszeit: Er ließ die von der Vorgängerregierung begonnenen Bauarbeiten zum neuen Nationaltheater stoppen und einen neuen Bau errichten – im postsowjetischen Stil eines kasachischen Kulturhauses. Seitdem offenbart sich sein gehobenes Stilempfinden desöfteren – wie auch seine Neigung zum Asiatismus –, die besonders bei der Einweihung des nationalen Totempfeilers im Nationalen Gedenkpark von Ópusztaszer – eine Art nationalmythologischer Disneypark – zur Geltung kam: Er bezeichnete die Magyaren als Volk des Totemtieres Turul.10

Doch all dies bekundet nicht nur die ästhetische und geschichtliche Vorstellungswelt von Politikern, sondern repräsentiert die gängige Meinung der ungarischen Bevölkerung. Es ist daher nicht verfehlt, diese Geschichtspolitik und Denkmalästhetik repräsentativ für breite Bevölkerungschichten zu betrachten – und nicht nur als die Vorstellungswelt mancher Politiker.

Besetzt oder Besessen?

Das Besatzungsdenkmal steht sinnbildlich tatsächlich allerdings in einer langen Tradition einer Sichtweise, die versucht für alle grauenhaften Taten während des Zweiten Weltkrieges andere verantwortlich zu machen und die eigene aktive Mitwirkung sowohl der Staatsbehörden als auch großer Teile der Bevölkerung zu verschweigen. Dies ist nicht bloß eine Taschenlüge einer Regierung, sondern es gründet auf einer Mentalität deren Devise etwa wie folgt lautet: Die Täter waren immer die Anderen.

Doch die Tatsachen sprechen nicht gerade dafür: Der österreichisch-ungarischen Monarchie ist – von Seiten Österreichs – nicht nur ein gewisser Schickelgruber zu ‘verdanken’, sondern – von Seiten Ungarns – auch die erste antisemitische Partei Europas.11 Der moderne institutionalisierte Antisemitismus ist bereits nach dem Zerfall der Monarchie, in einem ihrer Nachfolgestaaten entstanden: Die ersten ‘Judengesetze’ traten bereits im souveränen Ungarn der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts in Kraft, als noch weit und breit keine Besetzung des Landes in Sicht war, so u. a. Numerus Clausus für Juden in der Staatsverwaltung und in Hochschulen. Später kamen noch weitere Gesetze hinzu; so 1938, 1939, 1941. Im Gegenzug werden die Gefallenen der Ungarischen Truppen, die als Verbündete des Dritten Reiches an der Ostfront teilnahmen, noch heute als „Helden” (hősi halottak) bezeichnet.12

Das es bisher in Ungarn nicht zu einer Aufarbeitung der nahen Geschichte gekommen ist, zeigt sich insbesondere nicht nur im virulenten Antisemitismus, sondern gerade darin, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung den Holocaust als eine „jüdische Angelegenheit” betrachtet, die von einer fremden Macht ausgeübt worden ist. Denn „die Juden” waren, bzw. sind sowieso keine eigentlichen „Ungarn” oder nur in einer etwas eigenartigen Weise, die Imre Kertész in seinem Roman eines Schicksallosen mit ätzender Ironie beschrieben hat: „Auch der Gendarm (…) kam (…) in guter Absicht: ‘Leute’, nur diese Mitteilung wollte er machen, ‘ihr seid an der ungarischen Grenze angelangt!’ Bei dieser Gelegenheit wollte er einen Aufruf, man könnte fast sagen, eine Bitte an uns richten. Sein Wunsch war, daß, sollten bei irgend jemandem von uns noch Geld oder sonstige Wertsachen verblieben sein, wir ihm diese aushändigten. ‘Da, wo ihr hingeht’, meinte er, ‘werdet ihr keine Wertsachen mehr brauchen.’ Und was wir noch bei uns hätten, das würden uns die Deutschen sowieso alles abnehmen, versicherte er. ‘Warum sollte es dann’, so fuhr er (…) fort, ‘nicht lieber in ungarische Hände gelangen?’ Und nach einer kurzen Pause, die ich irgendwie als feierlich empfand, fügte er mit einer auf einmal wärmeren, ganz vertraulichen Stimme, als wolle er alles mit Vergessen überdecken, alles verzeihen, hinzu: ‘Schließlich seid auch ihr ja eigentlich Ungarn!’”13

Gegen das Besatzungsdenkmal wurde heftig protestiert und wird fortlaufend von Polizisten bewacht. Es gab Zusammenstöße und Festnahmen, u. a. waren auch ehemalige KZ-Häftlinge unter den Betroffenen. Es wurde ein „Lebendiges Denkmal”, ein im Kern aus Künstlern und Kunststudenten bestehender Kreis gebildet, der Vorträge und Diskussionen vor Ort organisiert. Allerdings ist hier zu bemerken, dass an diesem Protest nur relativ wenige teilnehmen und die Bevölkerung darüber kaum informiert ist.

Monumente, Medien, Message

Dies hängt nun wiederrum mit der eigenartigen ungarischen Medienlage zusammen. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem zum ersten Mal Tausende höchstqualifizierter Individuen einen Beruf daraus gemacht haben, sich in das kollektive öffentliche Denken einzuschalten, um es zu manipulieren, auszubeuten und zu kontrollieren.” – schrieb Marshall McLuhan bereits zu Beginn der Fünfzigerjahre, am Anfang seines ersten Buches Die mechanische Braut.14 Doch das Zeitalter von dem McLuhan spricht, hat in Mitteleuropa erst spät, fast ein halbes Jahrhundert später eingesetzt.

Die Zeitverschiebung in dieser Region, die bereits durch den nur schleppend voranschreitenden Entwicklungsprozess hin zur Moderne beeinträchtigt war, ist durch die Jahrzehnte der real existierenden Eiszeit, des „Sozialismus”, nur noch größer geworden. Erst in den Neunzigerjahren ist hier, mit der Privatisierung und Zunahme der Medien, jene Situation entstanden, die McLuhan in Nordamerika bereits um die Jahrhundertmitte diagnostizierte. So geschah es tatsächlich zum ersten Mal, dass Tausende höchstqualifizierter Individuen einen Beruf aus Bedienung und Betreiben der Medien machten – nicht zuletzt, um sie zu manipulieren, auszubeuten und zu kontrollieren.

Die Auswirkungen sind offensichtlich. Das italienische Beispiel zeigt insbesondere, welche Folgen es hat, wenn die Verfügung über die Vierte Gewalt dem sogenannten freien Markt und damit der Kontingenz und der Manipulation überlassen wird. Man kauft gut ein auf dem Markt der Medien, und damit auch nach und nach die Wählerstimmen, die Regierungen, den Staat…

Die Auswirkungen sind verheerend, und dies nicht nur für das kollektive öffentliche Denken; die Konsequenzen sind bereits im Wahrnehmen und Denken eines jeden Einzelnen spürbar. Exemplarisches Beispiel ist ein Ereignis, das ich vor kurzem mit einem Kunststudenten erlebt habe, den ich in einem Seminar bat, das Foto mit dem Titel Abgedeckte Krieger von dem Künstler Gábor Gerhes, aus dem Jahr 2004, zu deuten. Trotz eindeutiger Allusion auf Bekleidung und Farbe mancher nahöstlicher Kulturen interpretierte er das Bild als eine Darstellung der ungarischen Szene. Ich frage mich: wieso?

Gábor Gerhes: Abgedeckte Krieger

VERÖFFENTLICHT: J. A. Tillmann: Wort und Antwort 2017/1. 11-16. http://www.wort-und-antwort.de/inhalte.php?jahrgang=2017&ausgabe=1&artikel=4

COPYRIGHT J. A. Tillmann

1 Das Lange Jetzt wurde u. a. von dem Informatiker Daniel Hillis, der den Parallelrechner entwickelt hat, von Stewart Brand, Gründer des Global Business Network, von Kevin Kelly, Herausgeber der Zeitschrift Wired und von Brian Eno, Komponist und Künstler gestiftet.

2 Népszabadság, 28. 04. 2004.

3 Braudel, Fernand: A Földközi-tenger és a mediterrán világ, Bp., 1996, 177.o.

4 Deleuze, Gilles /Gauttari, Felix: Tausend Plateaus. Berlin,1992, 462.

5 Borbély, Szilárd:Várna, Mohács, Trianon, in: Szuverén.hu, 15.05. 2012.

http://szuveren.hu/vendeglap/borbely-szilard/varna-mohacs-trianon

6 Übersetzt von Hans Leicht.

7 von 325.411 km² auf 93.073 km²

9 Gerz, Jochen: Rede an die Jury des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, 14. November 1997, http://www2.dickinson.edu/glossen/heft4/gerzrede.html

13 Kertész, Imre: Roman eines Schicksallosen (Aus dem Ungarischen von Chr. Viragh), Rowohlt, 2008, 84.

14 McLuhan, Marshal: Die mechanische Braut. Volkskultur des industriellen Menschen, Vlg. der Kunst, Amsterdam 1996, 7.

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